Rundgang

auf den Spuren der jüdischen Geschichte von Lockenhaus

Anlässlich der Europäischen Tage der jüdischen Kultur im Jahr 2021 wurde dieser Rundgang zur Erinnerung an die jüdische Bevölkerung zum ersten Mal begangen. Über 40 BesucherInnen haben an diesem ersten Rundgang teilgenommen. Begleitet wurden sie von Ruth Patzelt und Denise Steiger. (Info für mobil user : Fotos zu den einzelnen Punkten im Anschluss an den Text)

1 Shoa Mahnmal/Deportationsplatz (Hauptstraße 21/23)

2 Synagoge und Wohnhaus der Familie Stössel (Hauptstraße 21)

3 Das „Süsshaus“ (Hauptstraße 38)

4 Haus und Geschäft der Familie Hoffmann-Hacker (Hauptstraße 33)

5 Haus und Geschäft der Familie Leitner (Hauptstraße 14)

6 Geschäft der Familie Kopfstein (Hauptstraße 12, Hauptplatz)

7 Geschäft und Wohnhaus der Familie Stössel (Hauptstraße 13)

8 Shoa Mahnmal /Gedenkort (Hauptstraße 21/23)

Ausgangspunkt für den Rundgang ist der Platz beim Shoa Mahnmal. Hier ist der zentrale Ort für die jüdische Geschichte von Lockenhaus. Hier befand sich bis 1938 die Synagoge von Lockenhaus, das private Bethaus der Familie Stössel und ihr Wohnhaus. Hier ist der Platz, wo im April 1938 der Deportationswagen mit den bis dahin noch in Lockenhaus lebenden Juden und Jüdinnen abfuhr. Hier steht seit 2008 das Mahnmal für die Lockenhauser Opfer der Shoa - mit den dreizehn Namen, die im Jahr 2018 als die Gedenkwoche 1938.2018 Shalom.Nachbar stattfand, bekannt waren.

Bevor sie mit dem Rundgang beginnen, lesen Sie zur Einführung und zum besseren Verständnis bitte den historischen Überblick zur Geschichte der jüdischen Kultur in Lockenhaus. Hauptquellen zum historischen Wissen sind die Lockenhaus-Chronik des Pater Aegidius Schermann, 1936 und die Häuser Chronik von Othmar Perl, 196?

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Das Shoa Mahnmal wurde im Jahr 2008 errichtet. Gestaltet wurde es von DI Barbara Horvath. Es ist heute das einzige sichtbare Zeichen der jüdischen Geschichte in Lockenhaus. Nähere Infos: Mahnmal. An diesem Ort wartete im April 1938 der Deportationswagen, mit dem die bis dahin in Lockenhaus verbliebenen Juden und Jüdinnen, vermutlich 16 Personen, nach Wien transportiert wurden. Ein Überlebender berichtete: „Sie starrten uns an, als wir auf den Lastwagen stiegen“.

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Die Synagoge befand sich bis zum Jahr 1938 im Zentrum des Dorfes. Sie wurde an das ebenerdige Wohnhaus in der Hauptstraße 21 im Hof angebaut. Das private Bethaus, von der Bevölkerung „Judentempel“ genannt, wurde um 1880 aus Eigenmitteln von Maier Isidor Stössel, der aus Lackenbach kommend nach Lockenhaus übersiedelte, errichtet. Heute sind beide Gebäude baulich verändert, das ehemalige Synagogengebäude ist ein privates Wohnhaus, der vordere Teil, das ehemalige Wohnhaus der Fam Stössel, wurde aufgestockt und ist heute ein Caféhaus und beherbergt Mietwohnungen.

Auf alten Postkarten ist die Synagoge, ein Gebäude mit hohen Rundfenstern, gut erkennbar. Es ist auch ein Foto erhalten, das die Synagoge hofseitig zeigt. Die Synagoge war im Umkreis von Lockenhaus sehr bekannt und zu den hohen Feiertagen wurde sie von Juden und Jüdinnen aus der Umgebung besucht. Sie fasste ca. 80 Personen und hatte auch eine Frauengalerie, die auf Eisensäulen gestützt war. Parterre und Galerie waren mit Sitzbänken ausgestattet. Die Decke war auf Eisenträgern eingewölbt und hatte seitlich eine Hohe von 6.50 m. Maier Isidor Stössel ließ zwei Thorarollen schreiben, die mit Silber verziert waren. Im Hofe befand sich eine Mikwe. Mehr über die Synagoge und das kulturelle jüdische Leben in Lockenhaus (soweit bekannt) lesen Sie bitte hier.

Im Wohnhaus in der Hauptstraße 21, lebten Maier Isidor (+1885) und seine Frau Hendel (+1893). Später bewohnte Ignatz Stössel mit seiner Familie das Haus. Möglicherweise auch andere Familienmitglieder. Ein Teil des Hauses, mit einem Geschäftseingang straßenseitig war um 1903 an Nikolaus Munar vermietet, der hier einen Friseurladen führte.

Ignatz Stössel (1878-1941) war verheiratet mit Gittel (eine der drei Blum Schwestern aus Krumbach, die nach Lockenhaus heirateten). Sie hatten sieben Kinder. Alle konnten rechtzeitig fliehen und überlebten den Holocaust mit Hilfe ihrer bereits in England arbeitenden Tochter Janka. Nach der Vertreibung aus Lockenhaus lebte die Familie einige Zeit in Wien und musste die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 in der Stadt miterleben. Ignatz wurde mehrere Tage misshandelt und die zwei Thorarollen aus Lockenhaus wurden beim Brand der Schiffschulsynagoge vernichtet. Auf verschiedenen Wegen konnten alle aus Österreich fliehen, Nachkommen leben heute in Israel, England und Canada.

Nach der Vertreibung der jüdischen Bewohner wurde der Innenraum der Synagoge geplündert und völlig demoliert. Die Räume im Wohnhaus straßenseitig wurden als Büro der örtlichen NSDAP verwendet. Im Jahr 1941 wurde das gesamte Grundstück versteigert und beide Gebäude, das Wohnhaus und die Synagoge, wurden in den Jahren nach Kriegsende baulich verändert.

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Das sogenannte „Süss-Haus“, hier wohnten zwischen den Jahren ca. 1850 und 1938 die Familie Maier Isidor Stössel, die Familie Wolf Stössel, die Familie Max Stössel und die Familie Alexander Samuel Süss.

Maier Isidor Stössel, (der Erbauer der Synagoge) kaufte das Grundstück, auf dem eine kleine Wagnerwerkstätte stand, als er um 1850 mit seiner Familie von Lackenbach nach Lockenhaus kam. Er baute ein neues, größeres Haus und eröffnete ein Geschäft. Rechts vom Tor war das Geschäft, links war das Lederlager. Maier Isidor hatte mit seiner Frau Hendel drei Söhne und eine Tochter. Sohn Wolf Stössel, übernahm das Geschäft des Vaters in der Hauptstraße 38. (Bruder Max Mordechai Zwi kaufte 1869 das Haus Hauptstr.13., Bruder Leopold, der Vater des Schauspielers Ludwig Stössel ging nach 1890 nach Graz. Über die Tochter Jenny gibt es keine Daten).

Wolf Stössel war verheiratet mit Sophie Gerstl und führte das Geschäft ca. ab 1869. In der Chronik von Aegid Schermann steht: „Wolf neben der Notariatskanzlei … machte gute Geschäfte. Besonders die Schnittwaren, Leder-, Mehl- und Eisenhandlung und auch der Schnaps trugen viel Geld ein. Wolf brachte aber große Opfer für die Erziehung seiner Kinder“.

Soweit bekannt, hatten Wolf und Sophie Stössel zwei Söhne. Max Stössel (1880-1944) war der ältere und übernahm das Geschäft in der Hauptstraße 38. Er diente als Feldwebel im 1. WK und hatte mit seiner Frau Recha (geb. Blum aus Krumbach) fünf Kinder (Wilhelm, Moritz, Sophie, Gertrude, Johanna), die zwischen 1919 und 1929 in Lockenhaus geboren sind. Die Inflation nach dem Krieg führte zum Konkurs des Geschäfts. Die Familie ging im Jahr 1934 nach Oberwart. Nach ihrer Deportation nach Wien lebte die Familie in Sammelwohnungen im 2. Bezirk (Herminengasse und Franz Hochedlinger Gasse), bis alle sieben Familienmitglieder gemeinsam 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Mit einem der letzten Transporte im Jahr 1944 wurden sie, mit Ausnahme von Sohn Moritz, nach Auschwitz gebracht und dort ermordet. Moritz Stössel starb kurz vor der Befreiung im März 1945 in Dachau. Mehr über das tragische Schicksal der Familie hier.

Der zweite Sohn von Wolf und Sophie Stössel, Emanuel Stössel (1886-1944) ging nach Mödling. Er war verheiratet mit Valerie Breuer und führte eine Kolonialwarenhandlung. Er war 1932 Vorstandmitglied bei der Mödlinger IKG. Das Ehepaar Stössel wurden 1941 zunächst ins Ghetto Litzmannsstadt (Lodz) nach Polen deportiert und im Jahr 1944 in Auschwitz ermordet. Ihre drei Töchter konnten nach England fliehen. In Mödling, vor dem ehemaligen Wohnhaus von Emanuel Stössel und seiner Frau Valerie liegen zwei Erinnerungssteine im Straßenpflaster und in den Geo-Daten des Landes Burgenlands wird Emanuel Stössel als Anteilsbesitzer einer Hutweide in Lockenhaus angegeben.

Der spätere Besitzer des Hauses in der Hauptstraße 38 war Dr. Alexander Samuel Süss, geboren in Kisjenö, Westungarn, heute Rumänien. Er kam nach Beendigung seines Studiums in Wien im Jahr 1891 nach Lockenhaus und übernahm die Stelle des Kreisarztes in Lockenhaus. Er dürfte gemeinsam mit der Familie des Max Stössel bis diese 1934 nach Oberwart zogen, im selben Haus gewohnt haben. 1931 ging er in Pension, praktizierte aber weiterhin. Er wurde zum Medizinalrat ernannt und hatte ein Verdienstkreuz. Dr. Süss war verheiratet, im Jahr 1938 bereits verwitwet. Er hatte zwei Töchter, Irene (*1896), und Piroschka (*1901), beide sind in Lockenhaus geboren.

Im Jahre 1938, am ersten Tag des Pessachfestes (16.4.) wurden alle jüdischen Bewohner*innen von Lockenhaus darüber informiert, dass sie Lockenhaus verlassen müssen. Am 20.4. fand die „Abreise“ statt, auch Dr. Süss und seine Tochter Irene wurden vertrieben. In Wien lebten sie zuerst im 3. Bezirk, in der Barichgasse, später in einer Sammelwohnung im 2. Bezirk, in der Flossgasse. Von Dr. Süss ist ein handgeschriebenes Schriftstück aus dem Jahr 1939 erhalten, in dem er über seinen Vermögensstand im April 1938 Auskunft gibt. Er beschreibt darin seine Äcker im Breitfeld und am Pullersberg, seine Weiden am Schweinriegel und Waldriegel. In einem anderen Schreiben im Dezember 1940 beschreibt er sein Haus ausführlich, u.a. dass es 1932 frisch renoviert worden und es in gutem Zustand sei. Dr. Süss wurde 1942 nach Theresienstadt/Tschechien deportiert, wo er noch im selben Jahr starb. Auf seinem Totenschein steht Herzmuskelinsuffizienz. Er wurde 78 Jahre alt. Seine Tochter Irene wurde im Juni 1942, also noch vor ihrem Vater, von Wien nach Maly Trostinez/heute Weißrussland deportiert und dort ermordet. Vom Schicksal seiner zweiten Tochter Piroschka ist nichts bekannt. Dr. Süss ist vielen Lockenhauser Zeitzeug*innen in positiver Erinnerung geblieben. Es sind einige Geschichten und Anekdoten über ihn bekann: so wurde er immer wieder gerne in die Synagoge geholt, denn oft waren nur mit ihm genügend erwachsene Männer anwesend, um das Minjan zu feiern. „Winsch Glick!“ soll er oft zum Abschied gerufen haben, oder „Was soll ich von ihnen verlangen, sie haben ja auch nichts“ - er hat - vor allem Kinder - häufig unentgeltlich medizinisch behandelt. Während des Krieges war in seinem Haus das Grenzzollkommissariat untergebracht. Es gab bereits im Jahr 1942 Kaufanträge und Kaufverträge, die aber rechtlich nicht anerkannt wurden. Soweit heute bekannt, wurde das Haus des Dr. Süss erst nach dem Krieg privat verkauft.

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Der Kaufmann Johann Hoffmann stammte aus Lackenbach und kam um 1850 (lt. Schermann, es könnte aber auch später gewesen sein) nach Lockenhaus. Um 1869 kaufte Hoffmann dieses Anwesen, Hauptstraße 33. Es bestand aus 2 Häusern, eines an der Straße, eines im Hof. Die Familie Hoffmann betrieb ein Gemischtwarengeschäft. Die Tochter Hermine, geboren 1879 in Lockenhaus heiratete Moritz Hacker, der zwar 1866 in Lackenbach geboren ist, dann aber nach Wien übersiedelte (Perl spricht vom Juden Hacker aus Wien) und übernahm das Geschäft. Sie wohnten in dem Haus im Hof. Mitte der 1930er Jahre ging das Geschäft nicht mehr gut, der Garten war seit 1936 an Karl Rahberger verpachtet, der hier Gemüse anbaute. Die Familie blieb bis April 1938 in Lockenhaus und wurde mit den anderen jüdischen Einwohnern gezwungen, Lockenhaus zu verlassen, das Geschäft wurde von der örtlichen NSDAP „verwaltet“. Im Juli 1938 waren Hermine und Moritz Hacker in Wien im 2. Bezirk, Czerninplatz 5/6 gemeldet und werden als hochbetagt beschrieben. Sie versuchten verzweifelt vor der Vermögensverkehrsstelle, eine Beschlagnahme des Besitzes zu verhindern und wollten auch keine Verzichtserklärung unterschreiben. Im Mai 1939 wurde jedoch die Zwangsversteigerung eingeleitet. Am 17.10.1941 übertrug Hermine Hacker eine Sondervollmacht zur Verwertung des unbeweglichen Vermögens an einen Vertreter des jüdischen Auswanderungsfonds, am 19.10.1941 wurde sie nach Litzmannstadt in Polen (heute Lodz) deportiert. Hermine hat den Holocaust nicht überlebt. Das Schicksal von Moritz Hacker ist bis heute unbekannt, ebenso das von Karoline Hoffmann, deren Name immer wieder in den Vermögensaufstellungen in den Arisierungsakten in Eisenstadt auftaucht, als Anteilsbesitzerin und mit lebenslangem Fruchtgenussrecht. Dies könnte die Mutter der Hermine gewesen sein. Es gibt aber keine Hinweise darauf. Karoline Hoffmann dürfte ebenfalls im Holocaust umgekommen sein, es gibt für sie, ebenso wie für Hermine, ein Gedenkblatt in Yad Vashem, das aber keine weiteren Informationen enthält. Seit der Recherche im August 2021 für diesen Rundgang ist belegt, dass Hermine Hacker nach Litzmannstadt deportiert wurde. Sie ist vermutlich dort verstorben.

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Jakob Leitner aus Schlaining kam ebenso wir Johann Hoffmann, Maier Isidor Stössel und der Kaufmann Salomon Kopfstein um 1850 nach Lockenhaus und erwarb den Platz des ehemaligen Löschteichs, der ausgetrocknet und versumpft war. Auf diesem Grund erbaute er ein Wohnhaus, das auch ein großes Geschäft mit Gemischtwaren, Eisenwaren usw. enthielt. Es war ebenerdig und er zahlte jährlich der Herrschaft 10 Gulden für Wasserzins. In seiner Werkstatt ließ Leitner Hand-Dreschmaschinen anfertigen und verkaufte diese an die Bauern der Umgebung. 1883 trat er mit seiner Familie zum katholischen Glauben über, das Geschäft erfreute sich ab dieser Zeit besonders regen Zuspruchs. Der Sohn Wilhelm Leitner war jedoch kein guter Kaufmann, er übte das Geschäft nur ungern aus und hatte wenig Geschäftssinn (lt. Schermann und Perl). Er verkaufte sein Haus 1930 an den Holzwarenfabrikanten Johann Braun. Über das weitere Schicksal von Wilhelm Leitner ist nichts bekannt, seine einzige Tochter lebte in Ödenburg (lt. Perl, das war dann in den 1960er Jahren).

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Die Familie Kopfstein war unter den Familien, die sich in Lockenhaus um die Mitte des 19. Jahrhunderts ansiedelten. Sie blieb aber nur knapp 60 Jahre hier. Salomon Kopfstein kam von Lackenbach und eröffnete zunächst in der Klostergasse 8 eine Greißlerei. Im Jahr 1880 tauschte er sein Haus in der Klostergasse gegen das Haus in der Hauptstraße 12 und eröffnete dort ebenfalls ein Geschäft. Zwei Brüder von Salomon, Abraham und Isak, gingen nach Unterrabnitz, bzw. nach Pilgersdorf, wo Isaak in Kogl ein Geschäft hatte.

Salomon war verheiratet mit Leny Feigelstock. Sie hatten zwei Kinder, Sohn Mór (Moritz/Maurus) Kopfstein und Tochter Berta Kopfstein. (Berta heiratete Leopold Stössel, einen Sohn des Wolf Stössel und war die Mutter des Schauspielers Ludwig Stössel). Von weiteren Kindern des Salomon Kopfstein ist nichts bekannt. Wahrscheinlich nach dem Tod seines Vaters Salomon übernahm Mòr Kopfstein (*1856) das Geschäft am Hauptplatz. Er war ein guter Geschäftsmann, u.a. war er sehr erfolgreich mit dem Handel des Berliner Tuchs, das sind gehäkelte Dreieckstücher, die damals groß in Mode waren. Er verkaufte Bindhölzer und Weinstecken, Haarloden und er hatte einen Postkarten Verlag. Mòr und seine Frau Recha (sie ist eine Verwandte der berühmten Weinhändler Dynastie Wolf in Eisenstadt) hatten fünf oder sechs Kinder. Mòr verkaufte ca. 1910 das Haus Hauptstraße 12 an den Bäckermeister Martin Alois (Marton Alajos) und ging 1910 mit der Familie nach Nagy Tapolcsány (heutige Slowakei) und später nach Györ, wo Sohn Richard Kopfstein ein bekannter Dampfmühlenbesitzer war. Die Familie wurde in Ungarn vertrieben. Wo und wann Mór Kopfstein gestorben ist, ist unklar, es gibt im Internet verschiedene Angaben, Genaueres müsste in ungarischen Archiven zu finden sein. (Es gibt Angaben zu seinem Tod am Steinhof in Wien, sein Name wird erwähnt in Zusammenhang mit einer Gedenktafel am Wiener Zentralfriedhof für ermordeten Juden aus einem Massengrab, eine andere Quelle berichtet von Tod in Auschwitz). Von den fünf in Lockenhaus geborenen Kindern sind vermutlich vier im Holocaust ermordet wurden (Ilonka, Richard, Bela, Imre).

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In dem Haus, „gleich neben der Knabenschule“, wie Schermann in der Chronik schreibt, wohnten Mitglieder und Nachkommen der Familie des Max Mordechai Zwi Stössel.

Um 1868 kaufte Max Mordechai Zwi Stössel (1844 – 1909), einer der drei Söhne des Maier Isidor, das Haus in der Hauptstraße 13 neben der Schule und errichtete hier ein Geschäft, unter anderem verkaufte er Schnittwaren, Leder, Mehl, Eisen. Max handelte auch mit landwirtschaftlichen Maschinen (Dreschmaschinen) und in der Chronik schreibt Schermann dazu: „Man sagte, dass Max die Hammerer und Hochstraßer alle in seiner Tasche hatte“ und „Der Schnaps trug viel ein“.

Max Mordechai Zwi lebte hier mit seiner Frau Hadas/Rosy. Sie hatten, soweit man weiß, mindestens sieben Kinder. Drei blieben in Lockenhaus, vier zogen weg. Das Geschäft übernahm nach dem Tod von Max Mordechai Zwi (1844-1909) zuerst sein ältester Sohn Shmuel Elizer (*1871) mit seiner Frau Berta (*1881, eine der drei Blum-Schwestern). Sie hatten zwei Kinder: Maier/Maitsch und Tochter Hedy (sie heiratete und überlebte dadurch den Holocaust). Im Jahr 1921 starben Shmuel und seine Mutter Hadas, die, nach Max Mordechais Tod weiterhin im Haus gewohnt hatte. Das Geschäft übernahm sein Bruder Ignatz, der, mit seiner Familie allerdings im Haus bei der Synagoge wohnte. Das Geschäft ging in Folge der Inflation immer schlechter, ein weiterer Grund war aber auch, wie es eine Überlebende erzählte, dass jüdische Geschäfte in Lockenhaus mehr und mehr gemieden wurden ab den frühen 30er Jahren.

Berta, die Witwe von Shmuel führte mit ihrem Sohn Maitsch eine Landwirtschaft im Haus in der Hauptstraße 13. Das Haus war ebenerdig und hatte einen Hof mit Waschküche, weiters einen Garten und einen Stall. Zur Zeit der Vertreibung waren ein Pferd, eine Kuh und ein Kalb im Besitz der jüdischen Bauernfamilie, die einige landwirtschaftliche Flächen, Wiesen und Wald rund um Lockenhaus und auch in Hochstraß bewirtschafteten. Siehe auch: "Familienwurzeln". Berta und ihr Sohn Maitsch, er war ledig, wurden 1938 aus Lockenhaus vertrieben. Sie kamen in Wien in eine Sammelwohnung im 2. Bezirk und wurden 1942 nach Polen deportiert, wo sie vermutlich in Modliborzyce, einem Lager in der Nähe von Lublin ermordet wurden. Auch die unverheiratete Jultscha (eine Tante von Maitsch, Schwester von Ignatz und Shmuel), über die nicht bekannt ist, wo sie in Lockenhaus gewohnt hat, wurde in Modliborzyce ermordet. Von allen drei gibt es ein Gedenkblatt in Yad Vashem, von Maitsch und Jultscha auch ein Foto.

Das Haus wurde 1938 beschlagnahmt und nach einigen Wirren und nicht nachvollziehbaren Besitzverhältnissen in den ersten Kriegsjahren in einer Versteigerung verkauft. Unmittelbar nach der Vertreibung hing an diesem Haus die Hakenkreuz Fahne. Das Haus war bis in die frühen 80er Jahre eine Bäckerei und ein Spar-Kaufhaus. Heute ist es in Privatbesitz.

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Am Shoa-Mahnmal in Lockenhaus stehen 13 Namen von Shoa-Opfern aus Lockenhaus, die 2018 - durch Daten belegbar- bekannt waren. Die Recherchen im Jahr 2021 haben weitere Namen aus der Dunkelheit geholt, Namen von Lockenhauser Juden und Jüdinnen, die im Holocaust umgekommen sind. (Hermine Hacker ist eine von Ihnen, deren Schicksal nun durch belegbare Daten bekannt ist).

Am 20.April 1938 wurden Dr. Alexander Samuel Süss und seine Tochter Irene, die Familie Hoffmann-Hacker (Hermine Hacker, Moritz Hacker und Karoline Hoffmann?), die Familie des Ignatz Stössel (Ignatz, seine Frau Gittel/Katarina Stössel und ihre Kinder Max, Romi, Mosche, Judith, Shmuel und Rozi - außer Jonka, sie war bereits in England), Maier Maitsch Stössel, seine Mutter Berta Stössel und seine Tante Jultscha/Julie Stössel (Schwester von Ignatz) aus Lockenhaus vertrieben und nach Wien deportiert.


Eine Zeitzeugin beschreibt die Tage von März/April 1938: „Am Abend des 12. März 1938 marschierten die Illegalen das erste Mal öffentlich auf. In der Nacht wurden Hakenkreuze an die Wände gezeichnet und Flugblätter gestreut. Am 13. März wurde die Annexion vollzogen. Im Dorf war ein großer Rummel. Wir Kinder mussten auch gleich mitmarschieren, Fackelzüge wurden veranstaltet, Versammlungen und Reden gehalten. Eine Bürgermeisterwahl wurde durchgeführt, die Juden aus dem Ort vertrieben und ihre Besitzungen beschlagnahmt." Und später: "Anfangs war die Begeisterung für die NSDAP in einzelnen Schichten groß, aber langsam schlief sie ein. Obwohl die Partei, die BDM und die HJ alles Mögliche versuchte die Leute an sich zu reißen, so bröckelte doch einer nach dem anderen ab.“

Die Geschichte der Jüdischen Bevölkerung von Lockenhaus ist ein Teil der Lockenhauser Vergangenheit. Diese Erbe sollte im Dorf sichtbar sein und in den Schulen erzählt werden. Zur Erinnerung und zum Gedenken.

Die Geschichte der Jüdischen Kultur in Lockenhaus ist ein Teil der 100 Jahre Burgenländischer Geschichte. Sie sollte NIEMALS VERGESSEN werden.



Die Autorinnen (Rundgang 2021)

Ruth Patzelt, gebürtige Lockenhauserin, Musikerin und Pädagogin. Seit 2018 intensiv mit der Erinnerungsarbeit an die jüdischen Bewohner*innen von Lockenhaus verbunden. „Ich möchte, dass die Namen der jüdischen Nachbarn nicht in Vergessenheit geraten. Ich habe erst im Erwachsenenalter erfahren, dass auch in Lockenhaus jüdische Einwohner*innen lebten und mein Heimatort eine lebendige jüdische Kultur hatte, die im Jahr 1938 verschwunden ist und vernichtet wurde. Ich hoffe, dass mit dem „Darüber Reden“ - vor allem in den Schulen - die jüdische Geschichte und die jüdische Kultur von Lockenhaus, der Holocaust nicht vergessen wird und dass junge Menschen erkennen und daran arbeiten werden, dass sich diese Geschichte nie mehr wiederholen kann und darf“.

Denise Steiger, gebürtige Lockenhauserin, Historikerin. „Ich komme aus Lockenhaus und habe Geschichte und Politikwissenschaften studiert. 1992 habe ich die Chronik der Marktgemeinde Lockenhaus anlässlich des Jubiläums „500 Jahre Marktgemeinde Lockenhaus“ verfasst und bin damals zum ersten Mal mit dem Thema „Juden in Lockenhaus“ in Berührung gekommen. Ich habe ihnen auch ein eigenes Kapitel in der Chronik gewidmet. Wirklich intensiv beschäftigt mit diesem Thema habe ich mich erst seit 2018, durch die Mitarbeit an dem Erinnerungsprojekt 1938.2018 Shalom.Nachbar. Seither geht die Arbeit an diesem Projekt eigentlich weiter, denn die Forschung ist ein laufender Prozess, der immer wieder neue Erkenntnisse zutage bringt.“

Während einiger Wochen im Jahr 2021, haben Patzelt Ruth und Mag. Steiger Denise viel Zeit mit aufwendiger Recherche und gemeinsamen Gesprächen verbracht. Daten und Fakten wurden verglichen, im Internet und in verschiedenen Archiven recherchiert, es wurden Nachkommen der jüdischen Familien befragt und in alten Chroniken gelesen. Einiges wurde klarer und Zusammenhänge sicherer, aber vieles aus der jüdischen Geschichte von Lockenhaus wird wahrscheinlich für immer im Dunkeln bleiben, da wichtige Akten angeblich verschwunden oder zurzeit nicht einsehbar sind. Die Zeitzeugen fehlen! Schriftliche Aufzeichnungen sind unbekannt.


Ehemals jüdische Plätze in Lockenhaus

1 Shoa Mahnmal/Deportationsplatz (Hauptstraße 21/23) 2 Synagoge und Wohnhaus der Familie Stössel (Hauptstraße 21) 3 Das „Süsshaus“ (Hauptstraße 38)4 Haus und Geschäft der Familie Hoffmann-Hacker (Hauptstraße 33) 5 Haus und Geschäft der Familie Leitner (Hauptstraße 14) 6 Geschäft der Familie Kopfstein (Hauptstraße 12, Hauptplatz) 7 Geschäft und Wohnhaus der Familie Stössel (Hauptstraße 13) 8 Shoa Mahnmal /Gedenkort (Hauptstraße 21/23)


Foto-Rundgang - Die ehemals jüdischen Häuser in Lockenhaus


Synagoge
Synagoge - Gebäude mit hohen Rundfenstern rechts im Bild/ building with the high round windows
Synagoge
Synagogengebäude links - Wohnhaus der Familie Stössel rechts / Synagoge building on left side - home on right side
Synagoge Hof
Die Synagoge
Hauptstraße 21
Wohnhaus der Familie Stössel in der Hauptstraße 21 - Friseurladen des Nikolaus Munar war eingemietet, nach 1903 / home of Stössel Family at Hauptstraße 21, a hairdresser rented a room there, after 1903
Postkarte 38
Das Geschäft von Maier Isidor Stössel, später Wolf Stössel, später Max Stössel. Später das Wohnhaus von Dr. Alexander Samuel Süss - Haus links - Hauptstraße 38 / The shop of Maier Isidor Stössel. later Wolf Stössel, later Max Stössel. Later the residence of Dr. Süss - on the left side - Hauptstraße 38
Postkarte 33
Das Geschäft der Familie Hoffmann und Hacker, der Wagen steht davor - Postkarte aus dem Jahr 1927 - Hauptstraße 33 / The shop of the Hoffmann and Hacker family, the cart in front - postcard from 1927 - Hauptstraße 33
Hacker 33
Das ehemalige Geschäftshaus der Hermine Hacker Hauptstraße 33, das helle Haus links / the former house of Hermine Hacker - the bright house on the left, Hauptstraße 33
Leitner
Haus der Familie Leitner, rechts, schwarz umrandet




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Das Geschäft der Familie Kopfstein - um 1910, hier schon in Besitz des Marton Alajos - Hauptstraße 12 / The Kopfstein family shop - around 1910, here already owned by Marton Alajos - Hauptstraße 12




Hauptstraße 13
Hauptstraße 13
Das Geschäft und Wohnhaus der Familie Stössel, gleich neben dem zweistöckigen Gebäude der damaligen Schule, im Jahr 1916 - Hauptstraße 13 / The shop and home of the Stössel Family, beside the two storey building of the school, in 1916 - Hauptstraße 13
13
Das Geschäft und Wohnhaus der Familie Stössel, nach deren Vertreibung - Hauptstraße 13 / The shop and home of the Stössel family, after their expulsion - Hauptstraße 13
Grafik Marion
Karte der jüdischen Plätze in Lockenhaus / Map of Jewish places in Lockenhaus (grafik M.C.)
Mahnmal art
Das Mahnmal in Lockenhaus (detail)

Bildquellen: c Stössel, c Patzelt, Gemeindearchiv Lockenhaus

Quellen:

Die Kenntnisse für den im Jahr 2021 konzipierten Rundgang stammen aus verschiedenen Quellen. 1. Die Chronik "Die Geschichte von Lockenhaus" von Pater Aegidius Schermann (Im Buchhandel vergriffen, im Lesesaal im burgenländischen Landesarchiv oder in Privatbesitz). 2. Die "Häuserchronik", verfasst vom langjährigen Amtmann von Lockenhaus, Othmar Perl, nach seiner Pensionierung in den 1960er Jahren (Einsicht am Gemeindeamt Lockenhaus möglich). 3. Die Arisierungsakten im burgenländischen Landesarchiv (Aushebung für historische Recherche möglich). 4. "Familienwurzeln", eine in Privatbesitz befindlichen Familienchronik des Robert Meir Blum, einem entfernten Verwandten der Familie Stössel (Teilabschrift zu lesen auf dieser HP). Diese vier oben genannten Quellen haben uns wertvolle Hinweise zur Geschichte des jüdischen Lebens in Lockenhaus, zu den einzelnen Familiengeschichten und zur jüdischen Kultur und deren Vertreibung und Vernichtung in Lockenhaus gegeben. Weitere Quellen: Landesarchiv Eisenstadt, DOEW, Burgenländische Forschungsgesellschaft, Gert Polster auf ojm.at, Ursula Mindler: Die jüdische Gemeinde von Oberwart, Maria Gager: Hausarbeit, Internetrecherchen, Gespräche mit Nachkommen und anderen...