Rundgang in Lockenhaus

Ein Rundgang auf den Spuren der jüdischen Geschichte von Lockenhaus.

05.09.2021

Anlässlich der Europäischen Tage der jüdischen Kultur im Jahr 2021 wurde dieser Rundgang zur Erinnerung an die jüdische Bevölkerung zum ersten Mal begangen. Über 40 BesucherInnen haben an diesem ersten Rundgang teilgenommen. Begleitet wurden sie von Ruth Patzelt und Denise Steiger.

Willkommen! Shalom in Lockenhaus

Ich freue mich über ihr Interesse und möchte sie herzlich zu unserm Rundgang auf den Spuren der jüdischen Geschichte von Lockenhaus begrüßen.

Mein Name ist Ruth Patzelt, ich bin gebürtige Lockenhauserin und seit 2018 widme ich einen großen Teil meiner Freizeit der Erinnerungsarbeit in meinem Heimatort. Ich freue mich, dass das "jüdische Lockenhaus" seit 2019 auch aktiv bei Veranstaltungen am ETJK dabei ist. Ich und meine Kollegin Mag. Denise Steiger werden Sie auf diesen Rundgang begleiten. Die vergangenen Wochen und Monaten haben wir mit zeitaufwendiger Recherche und vielen gemeinsamen Gesprächen verbracht. Wir haben im Internet und in verschiedenen Archiven recherchiert, wir haben Nachkommen der jüdischen Familien befragt und in alten Chroniken gelesen. Wir wissen nun einiges mehr, aber vieles wissen wir nicht und manches aus der jüdischen Geschichte von Lockenhaus wird für immer im Dunkeln bleiben, da viele Akten verschwunden oder nicht einsehbar sind und die Zeitzeugen fehlen.

Der Rundgang wird ca. 90 min. dauern, wir beginnen zuerst hier im Zentrum bei der Synagoge und dem Wohnhaus der Familie Stössel, wir werden die Hauptstraße hinauf gehen, bis zum sogenannten „Süsshaus“, dann wieder zurück, und beim Geschäft und Wohnhaus der Familie Hoffmann-Hacker-Haus stehen bleiben, dann zum Haus der Familie Leitner, weiter am Hauptplatz zum Haus und Geschäft der Familie Kopfstein, dann die Hauptstraße hinunter bis zum Haus der Familie Stössel und wieder hierher zurück zum Mahnmal.

Wo wir hier stehen, ist der zentraler Ort in Lockenhaus für die jüdische Geschichte. Hier befand sich die Synagoge der Familie Stössel und ihr Wohnhaus. Es war der Platz, wo der Deportationswagen im April 1938 abfuhr, und hier steht seit 2008 das Mahnmal für die Lockenhauser Opfer der Shoa - mit den Namen die wir im Jahr 2018, als die Gedenkwoche stattfand, wussten. Es sind 13, heute wissen wir, dass es noch weiter Lockenhauser Opfer der Shoa gibt.

Für mich persönlich ist das wichtigste die Erinnerungsarbeit. Ich möchte, dass die Namen der jüdischen Nachbarn nicht in Vergessenheit geraten und ich hoffe, dass mit dem „Darüber Reden“ vor allem auch in den Schulen, die jüdische Geschichte, die jüdische Kultur von Lockenhaus, der Holocaust nicht vergessen wird. Ich habe erst im Erwachsenenalter erfahren, dass auch Lockenhaus jüdische MitbürgerInnen hatte und diese im Jahr 1938 vertrieben wurden. 1992 erschien die Chronik von Denise Steiger, hier wurde die Lockenhauser Bevölkerung erstmals auf die verschwundene jüdische Geschichte von Lockenhaus aufmerksam gemacht. (P.R.)

Unsre Kenntnisse haben wir aus verschiedenen Quellen. Vier möchten wir hier genauer nennen: Die Chronik "Die Geschichte von Lockenhaus" von Pater Aegidius Schermann und die "Häuserchronik" des langjährigen Amtmanns von Lockenhaus Othmar Perl sind die wichtigsten Quellen zur allgemeinen und zur jüdischen Geschichte von Lockenhaus. Die Arisierungsakten im burgenländischen Landesarchiv und die "Familienwurzeln" des Robert Meir Blum haben uns wertvolle Hinweise zur jüdischen Kultur und deren Vernichtung gegeben. Auch in Datenbanken diverser Institutionen (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Burgenländische Forschungsgesellschaft, Yad Vashem) haben wir geforscht.

Mag. Denise Steiger wird uns jetzt einen Überblick zur geschichtlichen Entwicklung zu geben. Zu den Familiengeschichten kommen wir dann später.

Historischer Überblick

Mein Name ist Denise Steiger, ich komme aus Lockenhaus und habe Geschichte und Politikwissenschaften studiert. 1992 habe ich die Chronik der Marktgemeinde Lockenhaus anlässlich des Jubiläums „500 Jahre Marktgemeinde Lockenhaus“ verfasst und bin damals zum 1. Mal mit dem Thema „Juden in Lockenhaus“ in Berührung gekommen. Ich habe ihnen auch ein eigenes Kapitel in der Chronik gewidmet.

Wirklich intensiv beschäftigt mit diesem Thema habe ich mich erst seit 2018, durch die Mitarbeit an dem Erinnerungsprojekt 1938.2018 Shalom.Nachbar. Seither geht die Arbeit an diesem Projekt eigentlich weiter, denn die Forschung ist ein laufender Prozess, der immer wieder neue Erkenntnisse zutage bringt.

Ich möchte nun einen kurzen geschichtlichen Überblick geben, seit wann Juden in Lockenhaus wohnten und wie sie die Wirtschaft der Gemeinde prägten. Kurz zur Vorgeschichte: Jüdische Familien lebten im heutigen Burgenland schon im 13. und 14. Jahrhundert, ein wichtiges Ereignis für den Zuzug in großem Stil war dann die Vertreibung der Juden 1670 aus Wien und später auch aus Niederösterreich und der Steiermark durch einen Erlass Kaiser Leopolds I. Paul I. Esterhazy gewährte den Juden Schutz in seinem Herrschaftsbereich, der fast das gesamte Nord- und Mittelburgenland umfasste. Rund 3.000 Juden siedelten sich in dieser Zeit in den sogenannten Siebengemeinden an. Dies waren 4 im Norden, Kittsee, Frauenkirchen, Eisenstadt und Mattersburg, und 3 im Mittelburgenland, nämlich Deutschkreutz, Lackenbach und Kobersdorf. Die Judengemeinden erhielten Schutzbriefe, die sehr genau alle Rechte und Pflichten regelten, dafür zahlten sie Schutzgebühren und konnten sich in der Folge relativ ungestört entwickeln. Die Familie Batthyany im südlichen Burgenland machte es ähnlich, hier siedelten die Juden in den Gemeinden Rechnitz, Schlaining und Güssing. Die Herrschaftsfamilien profitierten von der Ansiedlung einerseits durch die Einhebung der Schutzgebühren, andererseits durch den wirtschaftlichen Aufschwung, den die Gemeinden nahmen. Eine weitere Erleichterung für das jüdische Leben, insbesondere die Ausübung der Religion brachten die Toleranzpatente Josefs II. 1781/82. Und dann kam der Wendepunkt 1848 mit der Aufhebung der Grundherrschaft, in deren Folge sich auch die jüdischen Mitbürger frei bewegen konnten und daher siedelten sie ab ca. 1850 in viele Gemeinden des Burgenlandes aus. Die vollen staatsbürgerlichen Rechte bekamen sie mit dem österr.-ungarischen Ausgleich 1867 mit allen Rechten und Pflichten und konnten danach auch Immobilien erwerben.

In Lockenhaus werden Juden erstmals in einem Diözesan-Schematismus aus 1802 erwähnt, und zwar 5 Personen, allerdings gibt es darüber keine weiteren Aufzeichnungen. Die uns bekannten jüdischen Familien kamen um 1850 nach Lockenhaus. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung war bis in die 1930er Jahre relativ konstant. Bei einer Gesamtbevölkerung von 1.200 bis 1.400 Einwohnern immer zwischen 27 und 35 Personen, also 2,5 bis 3%. Lockenhaus hatte keine homogene jüdische Bevölkerung. Durch seine Randlage, die Grenze zum Herrschaftsgebiet der Familie Batthyany verläuft am Kamm des Geschriebensteins, kamen Juden sowohl aus dem Norden als auch aus dem Süden. Die Familien Kopfstein, Stössel und Hoffmann kamen aus Lackenbach, die Familie Leitner aus Schlaining, der spätere Kreisarzt Dr. Süss stammte aus dem heutigen Rumänien und studierte dann in Wien Medizin. Die jüdischen Familien prägten das Wirtschaftsleben der Gemeinde ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg sehr stark. Sie betrieben Gemischtwarengeschäfte, handelten mit Eisenwaren, Mehl, Leder und Schnittwaren, mit landwirtschaftlichen Geräten, Schnaps und Holz. Nicht nur ortsansässige jüdische Familien dominierten das Wirtschaftsleben, auch bekannte jüdische Industriellenfamilien investierten damals in Lockenhaus.

1860 pachtete ein Konsortium, bestehend aus Mitgliedern der jüdischen Familien Bauer, Zuckerfabrikanten aus Brünn, und Flesch, Lederfabrikanten aus Wien, Hietzing, die fürstlichen Wälder, baute das bestehende Sägewerk in eine moderne Dampfsäge um, errichtete große Verwaltungsgebäude (heute die Verwaltung der Privatstiftung Esterhazy in der Günserstraße) und beschäftigte viele Beamte und Mitarbeiter. 30 Paar Pferde lieferten das geschlägerte Holz aus den Wäldern zur Säge. Um den Gewinn zu steigern, richtete man in der Burg, die damals nicht mehr bewohnt war, eine Parkett-Tischlerei ein und beschäftigte bis zu 100 Tischlergesellen. Dort lernte auch der spätere Gründer der Fa. Gager, Johann Gager, das Parkett-Machen. Der große Erfolg stellte sich aber nicht ein, wahrscheinlich waren die Betreiber zu ungeduldig, und die Herrschaft hatte sich auch höhere Pachteinnahmen erwartet, auf jeden Fall wurde der Vertrag mit dem Konsortium um 1870 herum aufgelöst. Nicht nur die Wälder waren in den 1860er Jahren an jüdische Unternehmer verpachtet, auch die herrschaftliche Papiermühle, die Schreibpapier aus Hadern erzeugte, war an einen Juden namens Eisenstädter verpachtet. Der Betrieb wurde aber um 1865 eingestellt, da die Erzeugung in Handarbeit nicht mehr konkurrenzfähig war. Die jüdischen Kaufleute von Lockenhaus, besonders die Familie Kopfstein, verkauften nicht nur in Lockenhaus, sondern sie betrieben auch regen Handel mit in Lockenhaus hergestellten Gütern, z.B. lieferten sie Bindholz und Weinstecken nach Ödenburg, sie ließen auch Stoffe, bes. Haarloden und gestrickte und gehäkelte dreieckige Umhängtücher, sogenannte Berliner Tücher in Lockenhaus in Heimarbeit erzeugen und lieferten diese nach Wien.

Änderungen im Gefüge der jüdischen Familien entstanden in den 80er und Anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die jüdische Familie Leitner trat zum katholischen Glauben über und ihr Geschäft ging danach noch besser als vorher, in den anderen Familien kam es hingegen zu einer verstärkten Zuwendung zum jüdischen Glauben – Anfang der 80er Jahre wurde die private Synagoge errichtet, in der die Juden der ganzen Umgebung zu den Hauptfesten zusammenkamen. Jüdischen Friedhof gab es in Lockenhaus keinen, die Toten wurden in Lackenbach begraben. Manche Mitglieder der jüdischen Familien sahen in Lockenhaus keine berufliche Zukunft mehr und zogen in die städtischen Zentren, nach Wien oder Graz, wo sich mehr Möglichkeiten boten, auch für die Ausbildung ihrer Kinder. Die Eltern des späteren Hollywood-Schauspielers Ludwig Stössel zogen damals nach Graz. Dieser Abwanderungstrend setzte sich auch zu Beginn der 20. Jahrhunderts fort. Die Kaufmannsfamilie Kopfstein verkaufte ihr Geschäft und zog nach Györ, Anfang der 30er Jahre folgten weitere Abwanderungen, das Geschäft Leitner wurde 1930 verkauft, auch ein Teil der Familie Stössel musste das Geschäft aufgeben und übersiedelte nach Oberwart. 1934 lebten 1137 Personen in Lockenhaus, davon 27 Juden.

1937 gab es nur mehr 2 jüdische Geschäfte in Lockenhaus, 1880 waren es noch 5 gewesen. Im April 1938 wurden alle noch verbliebenen jüdischen Einwohner von Lockenhaus (mindestens 15) zum Verlassen ihrer Wohnungen gezwungen und auf Lastwagen weggebracht. Sie kamen alle nach Wien, ob gleich oder auf Umwegen wissen wir nicht.

Einigen gelang die Ausreise, etliche jüdische Mitbürger von Lockenhaus (mindestens 7 Personen, die bis 1938 in Lockenhaus gelebt haben) starben jedoch im Holocaust. (D.S.)

Hauptstraße 21

Maier Isidor Stössel / Familie Ignatz Stössel / Synagoge

Wir stehen hier im Zentrum der jüdischen Geschichte von Lockenhaus. Hier steht das Mahnmal, vor dem wir am Ende des Rundgangs noch einmal stehen werden, dann sind uns auch die Namen, die am Mahnmal stehen, mehr vertraut. Hier befand sich bis zum Jahr 1938 die Synagoge und das Wohnhaus der Familie Stössel, eine der bekanntesten Familien im Dorf. Hier, im Zentrum des Dorfes, stand bis 1938 ganz in der Nähe die Synagoge. Es ist das Gebäude, das sie hier rechts im Hintergrund, an das Cafèhaus angebaut, sehen. Es wurde nach dem Krieg baulich verändert und ist heute ein privates Wohnhaus.

Die Synagoge wurde 1880 errichtet, aus Eigenmitteln als privates Bethaus, von Maier Isidor Stössel, der Urahn der Lockenhauser Familie Stössel, der um 1850 nach Lockenhaus kam. Er kaufte zunächst ein Haus in der Hauptstraße (38) und erst später dieses Wohnhaus an der Straßenseite, das damals ebenerdig war. Beim Grundstück dabei war ein Hof, eine Scheune und Garten. Die Synagoge wurde im Hof an das Haus angebaut. Man kann das Gebäude auf alten Postkarten gut erkennen, es war ein hohes Haus mit drei hohen Rundfenstern, die oben mit roten Ziegeln eingefasst waren

Robert Meir Blum (ein Verwandter aus der eingeheirateten Krumbacher Linie hat die Familiengeschichte der Stössels von Lockenhaus aufgeschrieben, „Familienwurzeln“) „die Stösselfamilie in Lockenhaus besaßen bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Häuser mit großen Höfen, im Zentrum des Dorfes. Ein Zeichen des Wohlstandes … war zweifellos die Erbauung einer Privatsynagoge im Hofe eines der Häuser. Es war dies eine sehr schöne Shül für ca. achtzig Menschen mit Frauengalerie. Im selben Hof gab es auch eine Mikwe.

Was wissen wir heute darüber, wir sah die Synagoge aus. Es gab eine Frauengalerie, die auf Eisensäulen gestützt war und mit Sitzbänken ausgestattet war. Auch im Parterre waren Sitzbänke. Die Decke war auf Eisenträgern eingewölbt. Es gab einen Vorraum und ein Stiegenhaus und vom Boden bis zum Gesimse hatte die Synagoge innen eine Höhe von 6.50m. Das Gebäude war 12.20 m lang und 8.40 m breit. Die starken Mauern waren aus Stein gebaut und das Dach ein Ziegeldach. Zum Hof hatte die Synagoge drei hohe Rundfenster, eingefasst mit roten Ziegeln und eine Eingangstür. In einer Beschreibung zur Schätzung des Werts des Gebäudes im Jahr 1939 steht, dass auch vom Wohnhaus aus ein Raum als Zugang zum Tempel benutzbar war. Ein Bild oder ein Foto vom Innenraum gibt es leider nicht, bzw. ist uns nicht bekannt.

Was bekannt und als Erzählung überliefert ist, ist, dass Maier Stössel zwei Thorarollen schreiben ließ, die mit Silber verziert waren. Diese konnte Ignatz Stössel (Maier Isidors Enkel) nach Wien retten. Beide Thorarollen sind allerdings beim Brand der Schiffschulsynagoge im November 1938 vernichtet worden. Von der Mikwe gibt es leider keine Angaben, auch kein Foto.

Die Synagoge war im Umkreis von Lockenhaus sehr bekannt und zu den hohen Feiertagen wurde sie von Juden und Jüdinnen aus der Umgebung besucht. Lockenhaus war auch ein beliebter Sommerfrische-Ort und in den Sommermonaten waren dann immer genügend erwachsenen Männer da, um das Minjan zu feiern. Man weiß, dass bei den Stössels, zumindest zeitweise ein Rabbi angestellt war: Rabbi Yitzak Schwartz aus Sátoraljaújhely (Westungarn). Dieser kümmerte sich um die Schlachtungen für die Lockenhauser Juden und jene aus der Umgebung. Blum schreibt: Und auch den Kindern lehrte er ein „wenig Jüdischkeit“ Es gab ja keine jüdische Schule hier. Über den Rabbi wissen wir sonst gar nichts, es gibt nur das Gedenkblatt in Yad Vashem und R.M. Blum erwähnt ihn. Die Stössels von Lockenhaus waren eine strenggläubige orthodoxe Familie aber das jüdische Leben war im Dorf gut integriert und gut sichtbar. Die Synagoge befand sich im Zentrum des Dorfes und die Gemischtwarenläden, zum Großteils in jüdische Besitz wurden von der gesamten Bevölkerung angenommen. Blum beschreibt auch wie die eigenen Landwirtschaften der Stössels (Felder, Gemüseanbau, Tiere) die koschere Lebensweise der jüdischen Nachbarn im Dorf ermöglichte. Aus Erzählungen weiß man, dass die jüdischen und christlichen Kinder und Jugendlichen befreundet waren und in dieselben Schulen gingen.

Die Lockenhauser jüdische Gemeinde war keine eigenständige jüdische Kultusgemeinde, sondern wurde von der israelitischen Kultusgemeinde in Schlaining betreut. Auch der Friedhof war nicht hier, sondern in Lackenbach. Es gibt dort auch ein paar Grabsteine, auf denen der Name Lockenhaus in Hebräisch zu lesen ist.

Im Wohnhaus an der Straße wohnten also zunächst Maier Isidor (+1885) und seine Frau Hendel (+1893). Wer nach deren Tod in dem Wohnhaus Hauptstraße 21 wohnte und wer die Synagoge betreute, ist noch unübersichtlich. Die Familie Stössel ist eine weitverzweigte Familie mit sehr vielen Nachkommen.

Stammbaum Skizzierung (in Arbeit)

Was wir sicher wissen ist, dass die Familie des Ignatz Stössel (1878-1941, Enkel des Maier Isidor) hier bis zum Jahr 1938 in der Hauptstraße 21 wohnte. Er, seine Frau und die 7 Kinder überlebten den Holocaust mit Hilfe ihre bereits in England arbeitenden Tochter Jonka. Ignatz Stössels Frau Gittel war übrigens eine von drei Schwestern der Familie Blum aus Krumbach, die nach Lockenhaus heirateten. Nur Gittel überlebte den Holocaust. nach der Vertreibung aus Lockenhaus lebte die Familie einige Zeit in Wien, sie erlebten die Reichspogromnacht in Wien (Ignatz wurde mehrere Tage misshandelt, so beschreibt es seine Familie) und die zwei Thorarollen wurden vernichtet. Auf verschiedenen Wegen konnten alle aus Österreich fliehen.

Zum Haus hier ist noch ganz neu die Erkenntnis aus einer Fotorecherche: der Friseur Nikolaus Munar war mit seinem Friseurladen 1903 hier in der Hauptstraße 21 bei den Stössels eingemietet. Ein Foto, dass eine Nachkomme (Ur-Ur-Ur-Enkelin) aus Israel geschickt hat, zeigt das Schild auf dem Haus.

Nach der Vertreibung der jüdischen Familien im Jahr 1938 wurde der Innenraum der Synagoge völlig demoliert und geplündert. Die Räume im Wohnhaus straßenseitig wurden als Büro der örtlichen NSDAP verwendet. (Viele kennen sicher das bekanntes Foto auf dem ein russischer Soldat die Tafel entfernt. Das Foto ist auch auf der Ausstellung auf Burg Schlaining zu sehen und wurde bereits in vielen Publikationen verwendet.) Im Jahr 1941 wurde das gesamte Grundstück versteigert und beide Gebäude (Wohnhaus und Synagoge) baulich verändert. Das Wohnhaus wurde aufgestockt und ist heute ein Café, die ehemalige Synagoge ist heute ein privates Wohnhaus.

Heute erinnert hier an die jüdische Kultur von Lockenhaus das von Barbara Horvath gestaltete Mahnmal. Es wurde 2008 errichtet und 2018 restauriert. Wir kommen am Ende des Rundgangs wieder hierher. (P.R.)

Hauptstraße 38

Familie Maier Isidor Stössel / Familie Wolf Stössel / Familie Max Stössel Familie Alexander Samuel Süss

Hier stehen wir vor dem Grundstück, dass Maier Isidor Stössel, (der Erbauer der Synagoge) kaufte, als er um 1850 nach Lockenhaus kam. Es war ein kleines Haus, eine ehemalige Wagnerwerkstätte. Er baute hier ein neues Haus. Rechts vom Tor war das Geschäft, links war das Lederlager

Maier Isidor kam gemeinsam mit seiner Familie, Frau Hendel, drei Söhne und eine Tochter, aus Lackenbach hierher. Wolf Stössel, wir nehmen er war der älteste Sohn, übernahm das Geschäft hier, sein Bruder Max Mordechai Zwi kaufte 1869 das Haus Hauptstr.13, der dritte Bruder Leopold, der Vater des Schauspielers Ludwig Stössel ging nach 1890 nach Graz. Über die Tochter Jenny haben wir keine Daten.

Wolf Stössel (+ 1913) führte das Geschäft hier ca. ab 1869 (wir nehmen an als sein Bruder das Geschäft in der Hauptstraße 13 eröffnete). In der Chronik von Aegid Schermann steht: „Wolf neben der Notariatskanzlei (Haus nebenan) und Max neben der Knabenschule Hauptstr.13, machten gute Geschäfte. Besonders die Schnittwaren, Leder-, Mehl- und Eisenhandlung und auch der Schnaps trugen viel Geld ein. Wolf brachte aber große Opfer für die Erziehung seiner Kinder“.

Wie viele Kinder Wolf (mit seiner Frau Sophie Gerstl) hatte, wissen wir nicht. Wir kennen zwei Söhne.

Max (1880-1944) übernahm das Geschäft, er hatte mit seiner Frau Recha (geb. Blum aus Krumbach) fünf Kinder, die zwischen 1919 und 1929 in Lockenhaus geboren sind. Max Stössel war als Feldwebel in Kriegseinsatz. Der 1.WK und die Inflation führten zum Konkurs des Geschäfts. Die Familie ging im Jahr 1934 nach Oberwart (Bestätigung der Gemeinde Lockenhaus in den Arisierungsakten). Von ihrer Zeit in Oberwart weiß man nur, dass sie im Jahr 1937 dort gemeldet waren. (siehe Ursula Mindler; Die jüdische Gemeinde von Oberwart).

Die Familie des Max Stössel kam 1937 oder 1938 nach Wien. Sie waren alle im 2. Bezirk gemeldet. Alle sieben Familienmitglieder wurden gemeinsam 1942 nach Theresienstadt deportiert und mit einem der letzten Transporte 1944 nach Auschwitz gebracht und, mit Ausnahme von Moritz, dort ermordet. Moritz Stössel wurde weiter nach Dachau gebracht und starb dort kurz vor der Befreiung im März 1945.

Der 2. Sohn von Wolf, Emanuel Stössel (1886-1944) ging nach Mödling, war verheiratet mit Valerie Breuer und führte eine Kolonialwarenhandlung. Er war 1932 Vorstandmitglied bei der Mödlinger IKG. Das Ehepaar Stössel wurden 1941 ins Ghetto Litzmannsstadt/ Lodz/Polen deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. Drei Töchter konnten nach England fliehen (Sophie mit einem Kindertransport 1938) und alle drei gründeten Familien. Ein Sohn von Sophie hat sich vor kurzem per Email gemeldet. Er hat durch Zufall die Homepage im Internet entdeckt. Er möchte so bald wie möglich Lockenhaus besuchen.

In Mödling, vor dem ehemaligen Wohnhaus von Emanuel Stössel und seiner Frau Valerie liegen zwei Erinnerungssteine im Straßenpflaster. Eine interessante Sache ist noch zu erwähnen, dass Emanuel Stössel auch heute noch in den Geo-Daten des Landes Burgenlands als Anteilsbesitzer einer Hutweide in Lockenhaus geführt wird.

Der spätere Besitzer dieses Hauses war Dr. Alexander Samuel Süss. Wann er es kaufte, ist ungewiss. Er kam 1891 nach Lockenhaus, die Familie des Max blieb aber bis 1934 in Lockenhaus. Vielleicht haben beide Familien im Haus gewohnt?

Geboren wurde Dr. Süss 1864 in Kisjenö (damals Ungarn, heute Rumänien), er studierte in Wien, erhielt sein Diplom im Jahr 1891 und übernahm im selben Jahr die Stelle des Kreisarztes in Lockenhaus. 1931 ging er in Pension, praktizierte aber weiterhin. Er wurde zum Medizinalrat ernannt und hatte ein Verdienstkreuz.

Dr. Süss war verheiratet mit Ernestina Biringer, im Jahr 1938 bereits verwitwet. Er hatte zwei Töchter, Irene (*1896), von der man weiß, dass sie eine Gehbehinderung hatte und Tochter Piroschka (*1901), beide in Lockenhaus geboren.

Von Dr. Süss gibt es in den Arisierungsakten in Eisenstadt ein handgeschriebenes Schriftstück (1939) in dem er ausführlich über seinen Vermögensstand im April 1938 Auskunft gibt. Auch ein Grundbuchauszug (1939) seiner lastenfreien Grundstücke, Äcker (Breitfeld, Pullersberg), Weiden (Schweinriegel, Waldriegel), Weideanteile, Garten im Ortsried mit Haus und Hof liegt in den Akten auf.

Soweit bekannt, wurden alle im Jahre 1938 noch in Lockenhaus lebenden Juden und Jüdinnen im April 1938 gemeinsam aus Lockenhaus vertrieben, am ersten Tag des Pessachfestes (16.4.) wurden sie darüber informiert. Dr. Süss, bereits in Wien, schreibt in einem Brief, dass er am 20.4.1938 aus Lockenhaus abgereist sei und seine Wertpapiere an den Ortsverwalter übergeben hat. Im Dezember 1940 wehrt sich Dr. Süss in einem Brief gegen die Herabsetzung des Verkaufspreises auf Grund von angeblicher Notwendigkeit der Trockenlegung der Mauern. Er beschreibt darin sein Haus ausführlich, dass es 1932 frisch renoviert worden ist und es in gutem Zustand sei.

Er wurde wie alle in Lockenhaus noch lebenden Juden, am 20.4.1938 nach Wien vertrieben, als "Abreise" wird es im Gendarmerie-Bericht bezeichnet. In Wien lebte er im Jahr 1940 im 3. Bezirk, in der Barichgasse, später in einer Sammelwohnung im 2. Bezirk, in der Flossgasse, von wo er am 1942 nach Theresienstadt/Tschechien deportiert wurde. Er starb noch im selben Jahr, am Totenschein steht Herzmuskelinsuffizienz. Er wurde 78 Jahre alt.

Während des Krieges war in seinem Haus das Grenzzollkommissariat untergebracht. Es gab bereits 1942 Kaufanträge und Kaufverträge und die sogenannten „Wilden Arisierungen“ wie es damals gang und gäbe war im Burgenland und anderswo, gab es sicherlich in den ersten Jahren des Krieges auch in Lockenhaus. Das Haus des Dr. Süss wurde, soweit uns bekannt ist, erst nach dem Krieg privat verkauft.

Von Dr. Süss sind einige Geschichten und Anekdoten bekannt. Meine Generation hat noch Erzählungen von Erzählungen über ihn gehört, denn die Eltern oder die Großeltern hatten ihn in positiver Erinnerung behalten. Mosche Stössel, der 19-jährig vertrieben wurde und überlebte, erzählte seinen Kindern in Israel, dass Dr. Süss immer zum Minjan in die Synagoge gekommen ist, damit es stattfinden konnte. Oder: „Winsch Glick!“ soll er oft zum Abschied gerufen haben, oder „Was soll ich von ihnen verlangen, sie haben ja auch nichts“ - er hat vor allem Kinder oft unentgeltlich medizinisch behandelt. Seine Tochter Irene wurde im Juni 1942, also noch vor ihrem Vater, nach Maly Trostinez/heute Weißrussland deportiert und dort ermordet. Vom Schicksal seiner zweiten Tochter Piroschka ist nichts bekannt.

Und wahrscheinlich gibt es noch einige Menschen in Lockenhaus, die Erzählungen über ihn, aus den Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern kennen. (P.R.)

Hauptstraße 33

Familie Hoffmann-Hacker

„In diesem Haus lebte die jüdische Kaufmannsfamilie Hoffmann, später Hacker. Über diese Familie wissen wir sehr wenig. Der Kaufmann Johann Hoffmann stammte aus Lackenbach und kam um 1850 (lt. Schermann, es könnte aber auch später gewesen sein) nach Lockenhaus. Wo die Familie zunächst wohnte, wissen wir nicht. Um 1869 kaufte Hoffmann dieses Anwesen, Hauptstraße 33. Es bestand eigentlich aus 2 Häusern, eines an der Straße, eines im Hof und gehörte 2 Brüdern, Georg und Josef Schmall. Ob Hoffmann beide Häuser gleichzeitig gekauft hat oder zuerst das vordere und später erst das Haus im Hof ist nicht bekannt. Die Familie Hoffmann betrieb ein Gemischtwarengeschäft. Die Tochter Hermine, geboren am 1.7.1879 in Lockenhaus heiratete Moritz Hacker, der zwar 1866 in Lackenbach geboren ist, dann aber nach Wien übersiedelte (Perl spricht vom Juden Hacker aus Wien) und übernahm das Geschäft. Sie wohnten in dem Haus im Hof. Die Familie Hoffmann-Hacker hatte anscheinend keine verwandtschaftlichen Beziehungen zu den beiden anderen großen jüdischen Familien, Kopfstein und Stössel, die ebenfalls aus Lackenbach stammten und sehr wohl auch familiär verbunden waren, so war die Mutter von Ludwig Stössel eine geborene Kopfstein. Mitte der 1930er Jahre ging das Geschäft nicht mehr gut, der Garten war seit 1936 an Karl Rahberger verpachtet, der hier Gemüse anbaute. Die Familie blieb aber bis April 1938 in Lockenhaus und wurde mit den anderen jüdischen Einwohnern gezwungen, Lockenhaus zu verlassen, das Geschäft wurde von der örtlichen NSDAP „verwaltet“. In der Hoffnung, mehr über diese Familie zu erfahren, hat sich Fr. Patzelt im Landesarchiv die Arisierungsakten ausheben lassen. In den Vermögensaufstellungen taucht immer wieder der Name Karoline Hoffmann auf, als Anteilsbesitzerin und mit lebenslangem Fruchtgenussrecht. Dies könnte die Mutter der Hermine gewesen sein. Es gibt aber keine Hinweise darauf. Im Juli 1938 waren Hermine und Moritz Hacker in Wien mit der Adresse 2. Bezirk, Czerninplatz 5/6 und werden als hochbetagt beschrieben. Sie versuchten verzweifelt vor der Vermögensverkehrsstelle, eine Beschlagnahme des Besitzes zu verhindern und wollten auch keine Verzichtserklärung unterschreiben. Im Mai 1939 wurde jedoch die Zwangsversteigerung eingeleitet. Am 17.10.1941 übertrug Hermine Hacker eine Sondervollmacht zur Verwertung des unbeweglichen Vermögens an einen Vertreter des jüdischen Auswanderungsfonds, am 19.10.1941 wurde sie nach Litzmannstadt in Polen (heute Lodz) deportiert. Das Ghetto Litzmannstadt diente als Zwischenstation vor der Deportation in die Vernichtungslager Auschwitz, Majdanek und Treblinka. Sie hat den Holocaust nicht überlebt. Was mit Moritz Hacker geschah, wissen wir nicht. Karoline Hoffmann dürfte ebenfalls im Holocaust umgekommen sein, es gibt ein Gedenkblatt für sie in Yad Vashem, das aber keine weiteren Informationen enthält. Für Hermine Hacker gibt es ebenfalls ein Gedenkblatt“. (D.S.)

Hauptstraße 14

Familie Jakob Leitner

Jakob Leitner aus Schlaining kam um 1850 nach Lockenhaus und erwarb den Platz des ehemaligen Löschteichs, der ausgetrocknet und versumpft war. Auf diesem Grund erbaute er ein Wohnhaus, das auch ein großes Geschäft mit Gemischtwaren, Eisenwaren usw. enthielt. Es war ebenerdig und er zahlte jährlich der Herrschaft 10 Gulden für Wasserzins. In seiner Werkstatt ließ Leitner Hand[1]Dreschmaschinen anfertigen und verkaufte diese an die Bauern der Umgebung. 1883 trat er mit seiner Familie zum katholischen Glauben über, das Geschäft erfreute sich ab dieser Zeit besonders regen Zuspruchs. Der Sohn Wilhelm Leitner war jedoch kein guter Kaufmann, er übte das Geschäft nur ungern aus und hatte wenig Geschäftssinn (lt. Schermann und Perl). Er verkaufte sein Haus 1930 an den Holzwarenfabrikanten Johann Braun. Über das weitere Schicksal von Wilhelm Leitner ist nichts bekannt, seine einzige Tochter lebte in Ödenburg (lt. Perl, das war dann in den 1960er Jahren). (D.S.)

Hauptstraße 12

Familie Kopfstein

Hier war das Geschäft der Familie Kopfstein. Die Kopfsteins war unter den Familien, die sich in Lockenhaus um die Mitte des 19. Jahrhunderts ansiedelten. Sie blieben aber nur knapp 60 Jahre hier. Salomon Kopfstein kam von Lackenbach und eröffnete zunächst in der Klostergasse 8 eine Greislerei, im Jahr 1880 tauschte er sein Haus mit einem Lockenhauser gegen das Haus hier in der Hauptstraße 12 und eröffnete ebenfalls ein Geschäft. Seine zwei Brüder, Abraham und Isak, gingen aus Lockenhaus weg, der eine nach Unterrabnitz, der andere nach Pilgersdorf, wo dieser in Kogl ein Geschäft hatte. Salomon und seine Gattin Leny Feigelstock hatten zwei Kinder (soweit bekannt). Sohn Moritz/Maurus/Mór und, das ergab die jüngste Recherche, auch eine Tochter, Berta (Sie ist die Ehefrau von Leopold Stössel und somit die Mutter des Schauspielers Ludwig Stössel)

Mòr Kopfstein ist 1856 in Lockenhaus geboren und übernahm, wahrscheinlich nach dem Tod seines Vaters das Geschäft hier am Hauptplatz. Er war ein guter Geschäftsmann, wie Denise (s.o.) schon erwähnte: Er war sehr erfolgreich mit dem Handel des Berliner Tuchs, er verkaufte Bindhölzer und Weinstecken, Haarloden und er hatte einen Postkarten Verlag. Sein Geschäft, ein Gemischtwarenhandel, war hier im Zentrum des Dorfes. Mòr und seine Frau Recha (sie ist eine Verwandte der berühmten Weinhändler Dynastie Wolf in Eisenstadt) hatten einige Kinder. Von den fünf die Lockenhaus geboren sind, sind vermutlich vier im Holocaust ermordet wurden (Ilonka, Richard, Bela, Imre). Mòr verkaufte ca. 1910 das Haus Hauptstraße 12 an den Bäckermeister Martin Alois (Marton Alajos) und ging 1910 mit der Familie nach Nagy Tapolcsány (heutige Slowkei) und später nach Györ, wo Sohn Richard Kopfstein ein bekannter Dampfmühlenbesitzer war.

Dier Familie wurde in Ungarn vertrieben. Wo und wann Mór Kopfstein gestorben ist, ist unklar. Es gibt eine Grabangabe bzw. ist das eine Gedenktafel von ermordeten Juden aus einem Massengrab am Wiener Zentralfriedhof. Wo anders steht, dass er am Steinhof in Wien gestorben ist. Andere Quellen berichten von Tod in Auschwitz. Auch über seine Frau Recha Kopfstein gibt es ungesicherte Angaben zu ihrem Tod in Auschwitz.

Pater Schermann bedankt sich in seiner Chronik „Geschichte von Lockenhaus“ ganz besonders bei Mor Kopfstein: „Diese Angaben über die Juden verdanke ich der Freundlichkeit des Herrn Mór Kopfstein aus Györ, wo er heute noch lebt“ (1936)

Wir können mit Sicherheit sagen, dass Vieles was wir heute über das Leben der Juden und Jüdinnen in Lockenhaus bis zum Jahr 1910 wissen, wir deshalb wissen, weil Mór Kopfstein um 1936 dem Pater Aegid Schermann seine Erinnerungen aus seiner Zeit in Lockenhaus zukommen ließ. Viel Interessantes zur Familie Kopfstein steht sicherlich in ungarischen Archiven.

Hauptstraße 13

Familie Max Stössel / Shmuel Stössel / Maier und Berta Stössel

Hier sind wir nun beim letzten Grundstück auf unserem Rundgang, dass bis 1938 in jüdischen Besitz war. Hier lebten Mitglieder der Familie Stössel.

Um 1868 kaufte das Haus Max Mordechai Zwi Stössel (1844 – 1909), ein Sohn des Maier Isidor, Bruder des Wolf. Er errichtete hier ein Geschäft (Schnittwaren, Leder, Mehl, Eisen). und laut Schermann ging es sehr gut: „Der Schnaps trug viel ein“. Max handelte auch mit landwirtschaftlichen Maschinen (Dreschmaschinen) „Man sagte, dass Max die Hammerer und Hochstraßer alle in seiner Tasche hatte“.

Max Mordechai Zwi lebte hier mit seiner Frau Hadas/Rosy und sie hatten soweit man weiß, mindestens 7 Kinder. Das Geschäft übernahm sein ältester Sohn Shmuel Elizer (*1871) mit seiner Frau Berta (eine der drei Blum-Schwestern), sie hatten zwei Kinder Maier/Maitsch und Tochter Hedy. (Auch die Mutter Witwe Hadas lebte hier bis zu ihrem Tod 1921)

Shmuel starb 1921 und sein Bruder Ignatz übernahm das Geschäft. Perl schreibt, „dass Ignatz es vollkommen abwirtschaftete“ was aber weniger dem schlechten Geschäftssinn geschuldet gewesen sein wird, als der Inflation und dass die jüdischen Geschäfte ab den frühen 30 Jahren auch eher gemieden wurden, so wie eine in Lockenhaus geborene Nachkommin der Stössel Familie in ihren Erinnerungen erzählte. Ignatz führte das Geschäft hier, wohnte mit seiner Familie allerdings im Haus Hauptstraße 21.

Hier im Haus Nr. 13 wohnten Berta, die Witwe von Shmuel und der Sohn Maitsch, die hier eine Landwirtschaft führten. Zur Zeit der Stössels war das Haus ebenerdig. Es hatte einen Hof, einen Garten und einen Stall (zur Zeit der Vertreibung waren ein Pferd, eine Kuh und ein Kalb in ihrem Besitz). Im Hof gab es eine Waschküche. Zum Besitz gehörten einige landwirtschaftliche Flächen (8 Joch), Wiesen und Wald rund um Lockenhaus, auch in Hochstraß ein Acker. Robert Mair Blum schreibt darüber sehr ausführlich in seinen "Familienwurzeln". Im April 1938 wurden auch Berta und ihr Sohn Maitsch, er war ledig, vertrieben. Sie kamen in Wien in eine Sammelwohnung im 2. Bezirk. Ihr Haus in Lockenhaus wurde beschlagnahmt, nach einigen Wirren und nicht nachvollziehbaren Besitzverhältnissen in den ersten Kriegsjahren in einer Versteigerung verkauft. Gleich nach der Vertreibung hing an diesem Haus die Hackenkreuz Fahne. Das Haus war dann später bis in die frühen 80er Jahre, eine Bäckerei und ein Spar-Kaufhaus, wo viele Lockenhauser und Lockenhauserinnen, so wie auch ich, einkaufen gingen, ohne die Geschichte des Hauses zu kennen.

Maitsch und seine Mutter Berta, wurden von Wien nach Polen deportiert, wo sie in Modliborzyce, ein Lager in der Nähe von Lublin ermordet wurden, so wie auch die unverheiratete Jultscha (eine Tante von Maitsch, die Schwester von Ignatz und Shmuel), von der wir nicht wissen, wo sie in Lockenhaus gelebt hat. Von allen drei gibt es ein Gedenkblatt in Yad Vashem, bei Maitsch und Jutscha ist auch ein Foto dabei. Maitschs Schwester Heidi/Hedy heiratete vor dem Krieg und konnte dadurch dem Holocaust entkommen. (P.R.)

Aus Familienwurzel von Robert Meir Blum

"Was die Stösselfamilie in Lockenhaus besonders kennzeichnete, war die Tatsache, dass sie sich nicht nur mit Handel abgaben, sondern auch mit Landwirtschaft. Anfangs des 20. Jahrhunderts kauften sie bedeutende (Anmerkung: gemeint ist vermutlich flächenmäßig umfangreich) landwirtschaftliche Bodenflächen auf und bearbeiteten diese intensiv. Im Hofe gab es auch Stallungen für fünf bis sechs Kühe und Kälber. Ein bis zwei Pferde pflügten den Ackerboden (Traktoren kannte man noch nicht zu dieser Zeit) oder wurden vor einen kleinen Reisewagen gespannt, um den Innenverkehr zwischen den Dörfern für den Handelsverkehr aufrecht zu erhalten (Autobusse verkehrten nur auf den Hauptstraßen). Als ich als Kind einmal auf Sommerferien in Lockenhaus weilte, sah ich mit Erstaunen, meinen Cousin Maier (Maitsch) einen Acker pflügen. Er bereitete das Feld zum Kartoffelpflanzen vor. Es war dies das erste Mal, dass ich einen jüdischen Landwirt vor Augen sah. Ich selbst beteiligte mich täglich, die Kühe auf die umliegenden Bergabhänge zur Weide zu treiben. In großen Schuppen die sich im Hofe befanden, wurde das Stroh und Heu als Viehfutter für den Winter aufgespeichert. Ferner gab es Hühner, Gänse und einen großen Gemüsegarten.

Ich schrieb darüber ausführlicher, weil jüdische Landwirtschaft in Österreich keine Alltagssache war. Mit einem Blick zurück in die Geschichte der Stössel Familie in Lockenhaus, war dieser Ankauf von landwirtschaftlichem Boden und seiner Bearbeitung ein vernünftiger und vorteilhafter Einfall. Als in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen 1918 bis 1938 der Geschäftshandel deutlich zurückging, wurde die Landwirtschaft die Grundlage des Lebenserhalts. Die Weizenfelder lieferten das Brot, die Kühe gaben „glatt-koschere“ Milch und es wurde hausgemachte Butter und Käse auf den Tisch gestellt. Der Fleischbedarf war gedeckt. Eier und Gemüse gab es in Hülle und Fülle".


Abschluss

Wir stehen hier beim Mahnmal und kennen nun die Schicksale, die hinter diesen 13 Namen stehen. Die Familie Stössel, Familie Hoffmann-Hacker und Familie Süss wurden im April 1938, am ersten Tag des Pessach-Festes (unmittelbar nach dem ersten Pessach-Seder) informiert, dass alle Juden in Lockenhaus, ihre Häuser sofort verlassen müssen.

Am 20.4. wurden Dr. Alexander Samuel Süss und seine Tochter Irene, die Familie Hoffmann-Hacker (Hermine und Moritz Hacker, Karoline Hoffmann?), Ignatz Stössel, seine Frau Gittel/Katarina und ihre Kinder Max, Romi, Mosche, Judith, Shmuel und Rozi (außer Jonka, sie war bereits in England), Maier Maitsch, seine Mutter Berta und Tante Jutscha/Julie von Lockenhaus nach Wien deportiert.

Judith (geb.1917) z.B. erzählte ihrem Sohn, dass sie zum Pessach-Fest von ihrer Arbeit in Wiener Neustadt nach Hause fuhr, und von hier vertrieben wurde. Mosche (geb. 1919) erzählte seinem Sohn, dass er und die anderen jüdischen BewohnerInnen von Lockenhaus vor der Synagoge, vor den Augen einiger Lockenhauser*innen auf den Lastwagen stiegen. Vier Geschwister von Ignatz, die in Lockenhaus geboren sind, zogen schon vor 1938 aus Lockenhaus weg, nach Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz. Von einer in Lockenhaus geborenen Schwester von Ignatz, Recha Deutsch, wissen wir heute, dass sie im Holocaust umgekommen ist und mit ihr wahrscheinlich auch ein Kind von ihr und ihr Ehemann Jacob Deutsch. Von der Familie Kopfstein aus Lockenhaus kamen vier Kinder des Mor Kopfstein, er selbst und seine Frau Recha im Holocaust um. Zwei Kinder überlebten. Die 7 Kinder des Ignatz, er selbst und seine Frau Gittel überlebten.

Von vielen Personen, deren Namen wir finden, wissen wir nicht was passiert ist oder wir wissen den Namen nicht, wie z.B. von „der Stössel aus Lockenhaus“, am Präbichl beim Todesmarsch erschossen, über den ein Zeitzeuge in seinen Erinnerungen („Vertrieben“, Hg. Lang, Tobler Tschögl) erzählt: " ...und wenn das jetzt einer hört aus Lockenhaus, dann weiß er, der Stössel ist hier gefallen...". Jenny Stössel, die in der Häuserchronik von Perl erwähnt wird: „Jenny Stössel eine Schwester des Wolf, die ein Haus in der Hauptstraße kaufte“. Und weiter die namen Eugenie Stössel, Erich Stössel, Emma Gußmann, Adolf Stössel, Bertha Rosenthal und Hermine Rosenthal, geb. Stössel, Moritz Stössel in den Arisierungsakten....

(Text Hannelore - Mahnmal)

Am Mahnmal befinden sich 13 Namen von Shoa-Opfern aus Lockenhaus die wir 2018 wussten. Heute sind es bereits zehn Namen mehr, von denen wir Daten zu ihrem Tod im Holocaust haben. Man wird sich in Lockenhaus hoffentlich überlegen, und hier sollten sich die politisch Verantwortlichen in der Gemeinde betroffen fühlen, wie diese Namen auf einem Gedenkstein oder Gedenktafel oder in anderer Weise sichtbar gemacht werden können.

Ein weiterer Rundgang ist geplant am 26.9. 14.00 Uhr, organisiert von der VHS Burgenland. Anmeldung erforderlich: mattersburg@vhs-burgenland.at

Ein herzliches Danke an Denise Steiger und an Michael Schreiber

Darüber reden!

Auf Wiedersehen und Shalom in Lockenhaus!

Quellen: Landesarchiv Eisenstadt, DOEW, Burgenländische Forschungsgesellschaft, Schermann: Die Geschichte von Lockenhaus, Perl: Die Häuserchronik von Lockenhaus, Blum: Familienwurzeln, Internetrecherchen, Gespräche...






















Foto-Rundgang

Die ehemals jüdischen Häuser in Lockenhaus

Synagoge
Synagoge - Gebäude mit hohen Rundfenstern rechts im Bild/ building with the high round windows
Synagoge
Synagogengebäude links - Wohnhaus der Familie Stössel rechts / Synagoge building on left side - home on right side
Synagoge Hof
Die Synagoge
Hauptstraße 21
Wohnhaus der Familie Stössel in der Hauptstraße 21 - Friseurladen des Nikolaus Munar war eingemietet, nach 1903 / home of Stössel Family at Hauptstraße 21, a hairdresser rented a room there, after 1903
Postkarte 38
Das Geschäft von Maier Isidor Stössel, später Wolf Stössel, später Max Stössel. Später das Wohnhaus von Dr. Alexander Samuel Süss - Haus links - Hauptstraße 38 / The shop of Maier Isidor Stössel. later Wolf Stössel, later Max Stössel. Later the residence of Dr. Süss - on the left side - Hauptstraße 38
Postkarte 33
Das Geschäft der Familie Hoffmann und Hacker, der Wagen steht davor - Postkarte aus dem Jahr 1927 - Hauptstraße 33 / The shop of the Hoffmann and Hacker family, the cart in front - postcard from 1927 - Hauptstraße 33
Hacker 33
Das ehemalige Geschäftshaus der Hermine Hacker Hauptstraße 33, das helle Haus links / the former house of Hermine Hacker - the bright house on the left, Hauptstraße 33
Leitner
Das Haus der Familie Leitner um 1930, Hauptstraße
12
Das Geschäft der Familie Kopfstein - um 1910, hier schon in Besitz des Marton Alajos - Hauptstraße 12 / The Kopfstein family shop - around 1910, here already owned by Marton Alajos - Hauptstraße 12
Hauptstraße 13
Das Geschäft und Wohnhaus der Familie Stössel, mehrere Menschen stehen davor, neben dem zweistöckigen Gebäude der damaligen Schule, im Jahr 1916 - Hauptstraße 13 / The shop and home of the Stössel family, some people in front of the house, beside the two storey building of the school, in 1916 - Hauptstraße 13
13
Das Geschäft und Wohnhaus der Familie Stössel, nach deren Vertreibung - Hauptstraße 13 / The shop and home of the Stössel family, after their expulsion - Hauptstraße 13
Grafik Marion
Karte der jüdischen Plätze in Lockenhaus / Map of Jewish places in Lockenhaus (grafik M.C.)
Karte Burgenland Marion
Karte mit jüdischen Orten im Burgenland / Map of Jewish villages in Burgenland (grafik M.C.)
Mahnmal art
Das Mahnmal in Lockenhaus (detail)