Ludwig Stössel

Trotz seiner Berühmtheit als Hollywoodschauspieler und seiner großen Erfolge im amerikanischen Fernsehen als "That Little Old Winemaker, me", ist seine Beziehung zu seinem Geburtsort Lockenhaus eine ungeschriebene Geschichte. Er lebte wenige Jahre in Lockenhaus, seine Jugendjahre verbrachte er in Graz, als Theaterschauspieler arbeitete er in Wien und Berlin. 1938 musste er aus Österreich fliehen.

Von Lockenhaus nach Hollywood – Der Schauspieler Ludwig Stössel [1]

von Mag. Thomas Ziegler

Billy Wilder, Arnold Schwarzenegger, Christoph Waltz – das sind Namen, an die man unweigerlich beim Thema „Filmschaffende aus Österreich in Hollywood“ denkt. Größtenteils unbekannt sind heute hingegen SchauspielerInnen und RegisseurInnen der „zweiten Reihe“, die nach ihrer Auswanderung in Hollywood Fuß fassen wollten. Die meisten von ihnen unternahmen diesen Karriereschnitt nicht freiwillig: Sie wurden durch die nationalsozialistische Machtübernahme in Deutschland und Österreich zu dieser Maßnahme gezwungen, wenn sie ihre Berufe weiter ausüben wollten. Doch nur den wenigsten gelang es, ihre in den Heimatländern begonnenen Karrieren in den Exilländern nahtlos fortsetzen. Zu diesem erlauchten Personenkreis zählt auch Ludwig Stössel, ein Schauspieler mit burgenländischen Wurzeln, der heute in seiner Heimat jedoch beinahe in völlige Vergessenheit geraten ist.

Der Theaterschauspieler

Ludwig Stössel wurde am 12. Februar 1883 im kleinen Ort Léka, dem heutigen Lockenhaus, in der ungarischen Reichshälfte der Donaumonarchie geboren. Stössels Eltern waren jüdische Kaufleute, die zudem eine kleine Landwirtschaft besaßen. Ludwig hatte einen Bruder, den späteren Maler Oskar Stössel, der mit dem Vater 1892 nach Graz übersiedelte. Ludwig Stössel und seine Mutter dürften ebenfalls zu dieser Zeit in die steirische Landeshauptstadt umgezogen sein, wo Ludwig die Bürgerschule abschloss und erstmals das Theater besuchte.

Nach seinem Schauspieldebüt in Baden-Württemberg im Jahr 1901 war Stössel hauptsächlich auf Bühnen des deutschsprachigen Raums in komödiantischen Stücken zu sehen, bis er im Jahr 1925 nach Berlin gelangte, wo er sich auch in Tragödien als Charakterdarsteller größeren Ruhm erwerben konnte. In diese Zeit fallen Stössels erste Auftritte in deutschen (Stumm-)Filmproduktionen, in denen er zumeist in Nebenrollen zu sehen war.

Am Höhepunkt seiner Karriere in Deutschland gelangte die nationalsozialistische Partei 1933 an die Macht. Stössel sah sich gezwungen nach Österreich zurückzukehren, da für ihn als Jude keine Chance bestand, weitere Engagements zu bekommen. In Wien konnte er im Theater in der Josefstadt und dem Raimundtheater große Erfolge mit heute noch bekannten Stars wie Attila Hörbiger und Paula Wessely erzielen. In den Kritiken dieser Zeit wurde Stössel vor allem für sein humoristisches Talent gelobt, war allerdings auch bei den Salzburger Festspielen in den berühmten Jedermann-Inszenierungen Max Reinhardts als Teufel zu sehen.

Die Emigration

Mit dem „Anschluss“ im März 1938 endete Ludwig Stössels österreichische Karriere abrupt. Er wurde suspendiert und geriet zeitwillig in „Schutzhaft“. Schließlich konnte Stössel noch rechtzeitig mit seiner Gattin Lore Birn über die Schweiz nach England flüchten. Bereits ein Jahr zuvor hatte Stössel in weiser Voraussicht erste Kontakte nach Großbritannien geknüpft und die englische Sprache zu erlernen begonnen.

Casablanca
Filmplakat aus dem Zeichenprojekt der NMS Lockenhaus im Rahmen von 1938.2018 Shalom.Nachbar

Hollywood und „Casablanca“

Im Herbst 1939 emigrierte Ludwig Stössel schließlich in die USA, wo er in Hollywood – trotz seines mittlerweile fortgeschrittenen Alters von fast sechzig Jahren – einen erfolgreichen Neustart hinlegte. In den Filmen dieser Zeit war er zumeist in der Rolle netter und freundlicher Vaterfiguren zu sehen. Durch seine markante Stimme und den gemütlichen österreichischen Tonfall, den er selbst in der englischen Fremdsprache zum Vorschein bringen konnte, hat Stössel ähnlich wie Hans Moser einen enormen Wiedererkennungswert bei seinem Publikum erreicht.

Stössel ist heute hauptsächlich für seine Rolle in Casablanca bekannt. Darin spielt er passenderweise den Exilanten Leuchtag, der im titelgebenden marokkanischen Ort auf seine Weiterfahrt nach Amerika wartet. In der kurzen Szene entspinnt sich ein Gespräch mit Frau Leuchtag und dem Oberkellner Carl, indem Stössel als Herr Leuchtag seine „Englischkenntnisse“ zum Besten gibt: Liebchen, sweetnessheart, what watch?”.

In den USA arbeitete Stössel mit internationalen Berühmtheiten wie Dean Martin zusammen. In dessen Show trat er 1964 in einer seiner letzten Rollen als Little Old Winemaker auf. Diese Figur entsprang einem Werbefilm, durch den Stössel als Weinbauer in alpiner Tracht mit dem Satz „That Little Old Winemaker, Me!“ Kultstatus in den USA erreichte.

Heimat Burgenland

Ludwig Stössel starb kinderlos im Jänner 1973 in Hollywood. Auch wenn er als Kind in Ungarn geboren und in Jugendjahren schon bald nach Deutschland weitergezogen war, sah er sich dennoch als Burgenländer. So vermisste er beispielsweise in Kalifornien das abwechslungsreichere Wetter seiner Heimat. (Zitat)

Im Zuge eines Gastspiels in Berlin und Wien kehrte Stössel im Jahre 1950 für kurze Zeit nach Europa zurück. Ob er dabei auch seinem Geburtsort Lockenhaus einen Besuch abstattete, ist bis dato nicht bekannt.

Mag. Thomas Ziegler


[1] Dieser Artikel basiert auf der Diplomarbeit des Autors mit dem Titel Der Filmschauspieler Ludwig Stössel – Von Burgenland nach Hollywood (Wien, 2015), die unter dem Link http://othes.univie.ac.at/3811... eingesehen werden kann.