Ludwig Stössel

Trotz seiner Berühmtheit als Hollywoodschauspieler und seiner großen Erfolge im amerikanischen Fernsehen als "That Little Old Winemaker, me", ist seine Beziehung zu seinem Geburtsort Lockenhaus eine ungeschriebene Geschichte. Er lebte wenige Jahre in Lockenhaus, seine Jugendjahre verbrachte er in Graz, als Theaterschauspieler arbeitete er in Wien und Berlin. 1938 musste er aus Österreich fliehen.

Im Zuge der Recherchen zum EDJC 2021 wurde nun mit hoher Wahrscheinlichkeit das Verwandtschaftsverhältnis des in Lockenhaus geborenen Schauspielers Ludwig Stössel mit den anderen Mitgliedern der Familien Stössel aus Lockenhaus geklärt.

Ludwig Stössels Zeit und Familiengeschichte und Lockenhaus

Maier Isidor Stössel und Hendel/Hany zogen mit ihren in Lackenbach geborenen Kindern, Wolf, Max Mordechai Zwi, Leopold (laut geni.com heißen die Eltern des Leopold Stössel Maier und Johana) und mit der Tochter Jenny (ihr Name „Jenny, die Schwester des Wolf kaufte ein Haus in der Hauptstraße“ taucht in einer neulich recherchierten Chronik auf) um das Jahr 1850 nach Lockenhaus.

Der eine Sohn, Leopold Stössel (geb. 1846) heiratet Berta Kopfstein, sie ist die Tochter des Salomon Kopfstein und der Eleonora (geborene Feigelstock), die ebenfalls um 1850 von Lackenbach nach Lockenhaus zogen. Leopold und Berta Stössel haben vier Kinder: Isabella, Oskar, Ludwig und Wilhelm. Ludwig Stössel wurde 1883 in Lockenhaus geboren, sein jüngerer Bruder Wilhelm im Jahr 1890, ebenfalls in Lockenhaus.

Bekannt war bisher, dass Maier Isidor zwei Söhne hatte, Wolf Stössel und Max Mordechai Zwi, die Betreiber von zwei Gemischtwarenhandlungen in Lockenhaus. Wo deren Bruder Leopold, mit seiner Frau Berta und den in Lockenhaus (Ludwig und Wilhelm) bzw. in Neunkirchen (Isabella und Oskar) geborenen Kindern in der Zeit zwischen 1883 und 1890 wohnten, ist unbekannt. Sie könnten in einem der Stössel Häuser (Hauptstraße 13, 21 oder 38) oder auch im Haus der Familie Kopfstein gewohnt haben.

Um 1890, bald nach der Geburt des Sohnes Wilhelm zog die Familie nach Graz. Die Schwester Isabella Stössel war verheiratet mit Max Stessel, beide wurden 1942 in Treblinka ermordet. (Transport 40, Train Da 513 von Wien nach Theresienstadt 10/09/1942.Transport von Theresienstadt nach Treblinka, on 29/09/1942). Eine ihrer Töchter, Hildegard, wurde von Drancy nach Auschwitz gebracht, wo sie (nach dem 7.9 1942) ermordet wurde. Der ältere Bruder, der Maler Oskar Stössel, geboren in Neunkirchen, kehrte kehrte als US-Bürger nach Österreich zurück und starb 1964 in Wien. https://www.juedischegemeinde-graz.at/ing-oskar-stoessel-stoessl-1879-1964. Sein in Lockenhaus geborenen Bruder, Wilhelm Stössel, verstarb mit 39 Jahren im Jahr 1929 in Graz. (P.R.)

Von Lockenhaus nach Hollywood – Der Schauspieler Ludwig Stössel [1]

von Mag. Thomas Ziegler

Billy Wilder, Arnold Schwarzenegger, Christoph Waltz – das sind Namen, an die man unweigerlich beim Thema „Filmschaffende aus Österreich in Hollywood“ denkt. Größtenteils unbekannt sind heute hingegen SchauspielerInnen und RegisseurInnen der „zweiten Reihe“, die nach ihrer Auswanderung in Hollywood Fuß fassen wollten. Die meisten von ihnen unternahmen diesen Karriereschnitt nicht freiwillig: Sie wurden durch die nationalsozialistische Machtübernahme in Deutschland und Österreich zu dieser Maßnahme gezwungen, wenn sie ihre Berufe weiter ausüben wollten. Doch nur den wenigsten gelang es, ihre in den Heimatländern begonnenen Karrieren in den Exilländern nahtlos fortsetzen. Zu diesem erlauchten Personenkreis zählt auch Ludwig Stössel, ein Schauspieler mit burgenländischen Wurzeln, der heute in seiner Heimat jedoch beinahe in völlige Vergessenheit geraten ist.

Der Theaterschauspieler

Ludwig Stössel wurde am 12. Februar 1883 im kleinen Ort Léka, dem heutigen Lockenhaus, in der ungarischen Reichshälfte der Donaumonarchie geboren. Stössels Eltern waren jüdische Kaufleute, die zudem eine kleine Landwirtschaft besaßen. Ludwig hatte einen Bruder, den späteren Maler Oskar Stössel, der mit dem Vater 1892 nach Graz übersiedelte. Ludwig Stössel und seine Mutter dürften ebenfalls zu dieser Zeit in die steirische Landeshauptstadt umgezogen sein, wo Ludwig die Bürgerschule abschloss und erstmals das Theater besuchte.

Nach seinem Schauspieldebüt in Baden-Württemberg im Jahr 1901 war Stössel hauptsächlich auf Bühnen des deutschsprachigen Raums in komödiantischen Stücken zu sehen, bis er im Jahr 1925 nach Berlin gelangte, wo er sich auch in Tragödien als Charakterdarsteller größeren Ruhm erwerben konnte. In diese Zeit fallen Stössels erste Auftritte in deutschen (Stumm-)Filmproduktionen, in denen er zumeist in Nebenrollen zu sehen war.

Am Höhepunkt seiner Karriere in Deutschland gelangte die nationalsozialistische Partei 1933 an die Macht. Stössel sah sich gezwungen nach Österreich zurückzukehren, da für ihn als Jude keine Chance bestand, weitere Engagements zu bekommen. In Wien konnte er im Theater in der Josefstadt und dem Raimundtheater große Erfolge mit heute noch bekannten Stars wie Attila Hörbiger und Paula Wessely erzielen. In den Kritiken dieser Zeit wurde Stössel vor allem für sein humoristisches Talent gelobt, war allerdings auch bei den Salzburger Festspielen in den berühmten Jedermann-Inszenierungen Max Reinhardts als Teufel zu sehen.

Die Emigration

Mit dem „Anschluss“ im März 1938 endete Ludwig Stössels österreichische Karriere abrupt. Er wurde suspendiert und geriet zeitwillig in „Schutzhaft“. Schließlich konnte Stössel noch rechtzeitig mit seiner Gattin Lore Birn über die Schweiz nach England flüchten. Bereits ein Jahr zuvor hatte Stössel in weiser Voraussicht erste Kontakte nach Großbritannien geknüpft und die englische Sprache zu erlernen begonnen.

Casablanca
Filmplakat aus dem Zeichenprojekt der NMS Lockenhaus im Rahmen der Gedenkwoche 1938.2018 Shalom.Nachbar

Hollywood und „Casablanca“

Im Herbst 1939 emigrierte Ludwig Stössel schließlich in die USA, wo er in Hollywood – trotz seines mittlerweile fortgeschrittenen Alters von fast sechzig Jahren – einen erfolgreichen Neustart hinlegte. In den Filmen dieser Zeit war er zumeist in der Rolle netter und freundlicher Vaterfiguren zu sehen. Durch seine markante Stimme und den gemütlichen österreichischen Tonfall, den er selbst in der englischen Fremdsprache zum Vorschein bringen konnte, hat Stössel ähnlich wie Hans Moser einen enormen Wiedererkennungswert bei seinem Publikum erreicht.

Stössel ist heute hauptsächlich für seine Rolle in Casablanca bekannt. Darin spielt er passenderweise den Exilanten Leuchtag, der im titelgebenden marokkanischen Ort auf seine Weiterfahrt nach Amerika wartet. In der kurzen Szene entspinnt sich ein Gespräch mit Frau Leuchtag und dem Oberkellner Carl, indem Stössel als Herr Leuchtag seine „Englischkenntnisse“ zum Besten gibt: Liebchen, sweetnessheart, what watch?”.

In den USA arbeitete Stössel mit internationalen Berühmtheiten wie Dean Martin zusammen. In dessen Show trat er 1964 in einer seiner letzten Rollen als Little Old Winemaker auf. Diese Figur entsprang einem Werbefilm, durch den Stössel als Weinbauer in alpiner Tracht mit dem Satz „That Little Old Winemaker, Me!“ Kultstatus in den USA erreichte.

Heimat Burgenland

Ludwig Stössel starb kinderlos im Jänner 1973 in Hollywood. Auch wenn er als Kind in Ungarn geboren und in Jugendjahren schon bald nach Deutschland weitergezogen war, sah er sich dennoch als Burgenländer. So vermisste er beispielsweise in Kalifornien das abwechslungsreichere Wetter seiner Heimat. "...immer nur Sonne, die einen richtig ausdörrt, ist für einen gebürtigen Burgenländer auch nicht das Richtige." (Vollständiges Zitat)

Im Zuge eines Gastspiels in Berlin und Wien kehrte Stössel im Jahre 1950 für kurze Zeit nach Europa zurück. Ob er dabei auch seinem Geburtsort Lockenhaus einen Besuch abstattete, ist bis dato nicht bekannt.

Mag. Thomas Ziegler

Im August 2020 wurde in der Festspielstadt Salzburg für Ludwig Stössel ein Stolperstein gelegt: Stolperstein in Salzburg




[1] Dieser Artikel basiert auf der Diplomarbeit des Autors mit dem Titel Der Filmschauspieler Ludwig Stössel – Von Burgenland nach Hollywood (Wien, 2015), die unter dem Link http://othes.univie.ac.at/3811... eingesehen werden kann.