Familienwurzeln

aus den Aufzeichnungen "Familienwurzeln - Das Haus Blum und das Haus Stössel" von Robert Meir Blum


Das Haus Stössel

von Robert Meir Blum, Kirjat Motzkin, am 1.1.1990

Lockenhaus

"Die Geschichte der Stösselfamilie in Lockenhaus zu schreiben, ist keine leichte Aufgabe, es fehlen schriftliche Unterlagen und mündliche Aussagen. Ich stütze mich daher auf meine Jugenderinnerungen und auf die Grabsteininschriften, die ich mir bei meinem letzten Besuch auf dem Lackenbacher Friedhof vor drei Monaten (1989 Anm..) aufzeichnete.

Es ist klar, dass unsere Ahnen und Urahnen im Verlaufe von mehr als zwei Jahrhunderten auf diesem Beth Olam ihre letzte Ruhe fanden. Ferner nehme ich an, dass nach der Restaurierung des Friedhofes, die in diesen Tagen dort durchgeführt wird, noch interessante Familieneinzelheiten, anhand der Inschriften von freigelegten Grabsteinen zum Vorschein kommen werden.

Die Stösselfamilie dürfte, aus Lackenbach kommend, sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Lockenhaus niedergelassen haben. Der Urgroßvater der heute älteren Generation der Stössels hieß Maier Stössel. Er starb im Jahre 1884. Die Urgroßmutter nannte sich Hendel und starb 1893. Ein Sohn von ihnen hieß Mordechai Zwi Stössel. Er war der Großvater und ist in Lockenhaus geboren. Er heiratete 1870. Seine Frau hieß Hadas und war die Tochter von Juda Blum aus Krumbach.

Sie hatten folgende Kinder: Schmuel Elieser, Gitl, Adolf, Ignatz, Maier, Jultscha und Recha.

Mordechai Zwi Stössel starb im Jahr 1909 und Hadas Stössel im Jahr 1921.

Nachdem die Kinder herangewachsen waren, blieben Schmuel Elieser, Ignatz und Jultscha in Lockenhaus. Gitl heiratete nach Deutschkreuz (Zelem), Adolf und Recha nach Kobersdorf und Umgebung und Maier nach Lackenbach." (Anm.: Robert Meir Blum erwähnt an dieser Stelle ein beiliegendes Familienregister)

Soweit ich bis jetzt die Geschichte der Familien nachforschte, welche die „Sieben Gemeinden“ des Burgenlands verließen, um sich in der Nachbarschaft niederzulassen, so war diese fast immer mit denselben Begleiterscheinungen verbunden. Anfangs waren sie fahrende Händler mit Pferdewagen, aber auch zu Fuß. Sie verkauften ihre Waren den Bauern, die weit verstreut um das Dorf lebten, fuhren zu den Jahrmärkten, die in verschiedenen Orten abgehalten wurden. Sie blieben oft tagelang aus, denn Autoverkehr gab es noch nicht. Das war kein leichtes Leben. Sie waren fleißig, sie waren fromm und wegen der Kaschrut gab es natürlich große Verpflegungsprobleme.

Aber nach etlichen Jahren, waren sie im Handel genug erfolgreich, um sich im Dorf, wo die Familie lebte, ein Haus zu kaufen und darin auch ein Geschäft zu eröffnen. Das Leben wurde viel leichter und mit viel Ausdauer kamen nicht Wenige zu Wohlstand, darunter auch die Stösselfamilie in Lockenhaus. Sie besaßen bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Häuser mit großen Höfen, im Zentrum des Dorfes. Ein Zeichen des Wohlstandes, zurzeit von Großvater Mordechai Zwi Stössel, war zweifellos die Erbauung einer Privatsynagoge im Hofe eines der Häuser. Es war dies eine sehr schöne Shül für ca. achtzig Menschen mit Frauengalerie (Esrat Nashim). Im selben Hof gab es auch eine Mikwe.

In Lockenhaus lebten vier bis fünf jüdische Familien. An den Feiertagen kamen noch zahlreiche Familien, die in den verschiedenen Dörfern in der Umgebung lebten, zu den Stössels nach Lockenhaus, um in der Schül zu beten und an allen Festlichkeiten teilzunehmen. Minjan war stets meistens nur am Schabat in den Sommermonaten, wo zahlreiche jüdische Sommergäste aus Wien in Lockenhaus weilten.

Wie in Krumbach, war auch bei der Familie Stössel in Lockenhaus ein Schoichet angestellt, dessen Aufgabe es war, den Familien, die in den nahegelegenen Dörfern wohnten, zu schlachten. Er war auch gleichzeitig Vorbeter und Melamed (Religionslehrer). Unter seiner Leitung lernten die Kinder ein wenig „Jüdischkeit“. Darunter war zu verstehen: Aus der Thora lesen, einen kleinen Teil des Wochenabschnittes, ferner die Raschischrift und Raschi´s Erklärungnen, sowie auch die Einhaltung der jüdischen Gebote.

Was die Stösselfamilie in Lockenhaus besonders kennzeichnete, war die Tatsache, dass sie sich nicht nur mit Handel abgaben, sondern auch mit Landwirtschaft. Anfangs des 20. Jahrhunderts kauften sie bedeutende (Anmerkung: gemeint ist vermutlich flächenmäßig umfangreich) landwirtschaftliche Bodenflächen auf und bearbeiteten diese intensiv. Im Hofe gab es auch Stallungen für fünf bis sechs Kühe und Kälber. Ein bis zwei Pferde pflügten den Ackerboden (Traktoren kannte man noch nicht zu dieser Zeit) oder wurden vor einen kleinen Reisewagen gespannt, um den Innenverkehr zwischen den Dörfern für den Handelsverkehr aufrecht zu erhalten (Autobusse verkehrten nur auf den Hauptstraßen). Als ich als Kind einmal auf Sommerferien in Lockenhaus weilte, sah ich mit Erstaunen, meinen Cousin Maier (Maitsch) einen Acker pflügen. Er bereitete das Feld zum Kartoffelpflanzen vor. Es war dies das erste Mal, dass ich einen jüdischen Landwirt vor Augen sah. Ich selbst beteiligte mich täglich, die Kühe auf die umliegenden Bergabhänge zur Weide zu treiben. In großen Schuppen die sich im Hofe befanden, wurde das Stroh und Heu als Viehfutter für den Winter aufgespeichert. Ferner gab es Hühner, Gänse und einen großen Gemüsegarten.

Ich schrieb darüber ausführlicher, weil jüdische Landwirtschaft in Österreich keine Alltagssache war. Mit einem Blick zurück in die Geschichte der Stössel Familie in Lockenhaus, war dieser Ankauf von landwirtschaftlichem Boden und seiner Bearbeitung ein vernünftiger und vorteilhafter Einfall. Als in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen 1918 bis 1938 der Geschäftshandel deutlich zurückging, wurde die Landwirtschaft die Grundlage des Lebenserhalts. Die Weizenfelder lieferten das Brot, die Kühe gaben „glatt-koschere“ Milch und es wurde hausgemachte Butter und Käse auf den Tisch gestellt. Der Fleischbedarf war gedeckt. Eier und Gemüse gab es in Hülle und Fülle.

In den 30er Jahren (1934) erschienen schon deutlich die finsteren antijüdischen Gewitterwolken auf dem politischen Himmel Österreichs. Es ist heute eine geschichtliche Tatsache, dass kein Jude, auch nicht die großen Persönlichkeiten unter ihnen, die in allen Zweigen des öffentlichen Lebens in Österreich standen, sei es in Kunst, Wissenschaft, Handel oder Industrie, auch nur annähernd, die Größe des Unglückes erkannten, welches dem österreichischen Judentum beschieden war und eine ernst Warnung abgegeben hätten. Auch die zionistische Organisation, die in Österreich bedeutend war, bildete keine Ausnahme.

Als Hitler am 12.3.1938 in Österreich einmarschierte, waren die ersten Opfer die Juden, die in den Dörfern wohnten. Die Stössel Familien mussten Haus und Hof mittellos verlassen und wurden nach Wien vertrieben. Ein teil der Familie ging leider in den deutschen Vernichtungslagern in Polen zugrunde. Die Mehrzahl sammelte sich wieder im Laufe der Jahre in Israel, fasst dort wieder Fuß und die Jugend gründete neue Familien. Ein kleiner Familienzweig lebt in London, ein anderer in Montreal, Canada. (Anmerkung: auch hier erwähnt Blum das Familienregister, das Auskunft über die Zahl der nachgeborenen Stössels bis zum Jahr 1989 gibt)

Abschlussworte

Ich glaube, ich hätte nicht alles gesagt, wenn ich nicht unseren Cousin Fritz Blum, Montreal, meinen besten Dank aussprechen würde, für die Übermittlung zahlreicher Unterlagen, betreffs des Familienregisters, sowie verschiedene Einzelheiten über die Krumbacher Familiengeschichte. Abschließend möchte ich noch hinzufügen: Sollte sich herausstellen, dass ich dem Leser meiner Abfassung Vergessenes wieder in Erinnerung brachte, oder durch neue Tatsachen, sein Wissen bereicherte; wenn meine Zusammensetzung, die ich auch in irwit (Anmerkung: hebräisch) übersetzen werde, den heutigen Schulkindern, der jüngeren Familiengeneration, für ihre Pflichtarbeit über das Thema Familienwurzeln – „Schoraschim“ – dienen kann, so denke ich mir befriedigend, diese Arbeit war doch alle Mühe wert.

1.1.1990 Robert Meir BLUM, Kirjat Motzkin

(Abschrift, mit Aktualisierung der Rechtschreibung, von Ruth Patzelt im Jahr 2019)


Haacov
Max Mordechai Zwi Stössel, gestorben 1909
Jaacov
Hadas Stössel, geborene Blum, gestorben 1921


Jaacov
Nathan Ignatz Stössel, geboren 1878 in Lockenhaus

Entkommen und überlebt.

Mit Hilfe ihres Arbeitsgebers in England - den Janka Stössel später aus Liebe geheiratet hat - konnte sie einen Teil ihrer Familie retten.

Ihre Eltern Nathan Ignatz Stössel (gestorben 1941) und Gittl/Käthe Stössel (gestorben 1959) und ihre Geschwister Judith (gest. 2009), Mosche (gest. 1983), Romi-Avraham (gest. 1999) und Schmuel (gest. 1979) überlebten durch einen rettenden Transport nach England, die Shoah. Viele Nachkommen - Kinder, Enkelkinder und Urenkel - leben heute in Israel, England und Canada.

Auch zwei Töchter aus anderen Zweigen der Stössel Familien in Lockenhaus konnten vor der Shoa fliehen. Sie haben Gedenkblätter für die Eltern Emanuel und Valerie Stössel und für die Mutter Berta und den Bruder Maitsch Stössel in Yad Vashem ausgefüllt. Ein Enkel von Emanuel Stössel lebt - laut Gedenkblatt in Yad Vashem - in Amerika.

Der Sohn von Recha Deutsch hat ebenfalls ein Gedenkblatt in Yad Vashem abgegeben.

Ludwig Stössel, der Theater und Filmschauspieler, konnte 1938 aus Österreich fliehen. Er hatte keine Kinder, Er starb 1973.