Die Synagoge von Lockenhaus


Das jüdische Bethaus

Dort wo wir heute ein Eis essen oder unseren Kaffee genießen stand ganz in der Nähe bis zum Jahr 1938 ein jüdisches Bethaus. Im Zentrum von Lockenhaus, neben dem, nach Ende des 1. Weltkriegs errichteten, “Kriegerdenkmal“, wo auch die Namen von Lockenhauser Juden darauf stehen! Einen Schritt und Blick neben diesem Denkmal für die Opfer beider Weltkriege steht seit 2008 das Mahnmal für die Lockenhauser Opfer der Shoa.

Mit dem Begriff Shoa (hebräisch: großes Unheil) oder auch Holocaust (altgriechisch: vollständig verbrannt) bezeichnet wird die Ermordung jüdischer Menschen und die Vernichtung jüdischer Kultur – der nationalsozialistische Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen europäischen Juden - im 2. Weltkrieg.

Das jüdische Bethaus wurde in Lockenhaus von Zeitzeugen „der Tempel“ oder „der Judentempel“ genannt. Heute sagt man dazu die Synagoge von Lockenhaus oder das private Bethaus der Familie Stössel.

Die Synagoge wurde auf Privatinitiative des aus Lackenbach stammenden Maier Isidor Stössel erbaut. Errichtet wurde sie ca. zwischen 1850 und 1880. Sie war über die Dorfgrenzen hinaus bekannt und wurde von Juden und Jüdinnen zu den hohen jüdischen Feiertagen aus den umliegenden Dörfern besucht. Es gab ein Frauengalerie und im Hof eine Mikwa, das jüdische Ritualbad. Auf alten Postkarten kann man das Gebäude mit den hohen Rundfenstern gut erkennen.

Zeitweise war auch ein Rabbiner in Lockenhaus angestellt, er war auch Schächter (Schoichet) und ermöglichte der strenggläubigen jüdischen Familie Stössel die koschere Lebensweise. Im Sommer, wenn viele jüdische Besucher zur Sommerfrische in Lockenhaus weilten, war auch das Minjan möglich, der jüdische Gottesdienst. Es müssen dafür mindestens zehn erwachsenen Juden anwesend sein. Die jüdische Gemeinschaft von Lockenhaus war keine eigenständige jüdische Kultusgemeinde, sie wurde von der IKG Schlaining und später von Rechnitz mit betreut. Der jüdische Friedhof für die LockenhauserInnen befindet sich in Lackenbach.

Bis zum Jahr 1938 gab es in Lockenhaus ein friedliches, auch von Freundschaften begleitetes Nebeneinander der Religionen. Die Kinder besuchten die gleichen Schulen, die Menschen gingen in die jüdischen Kaufhäuser zum Einkaufen. Im Jahr 1938 (im April) änderte sich alles. Die jüdische Bevölkerung wurde aus Lockenhaus vertrieben, wie es auch im ganzen Burgenland passierte. Die Menschen flohen zuerst nach Wien, manche konnten ins Ausland fliehen, viele wurden in Konzentrationslagern ermordet. Die Namen der dreizehn nachweislich ermordeten LockenhauserInnen stehen am Mahnmal.

Die Synagoge wurde geplündert und zerstört, von der örtlichen NSDAP (Nationalsozialistische Partei) beschlagnahmt und als Parteilokal benützt. Eine Erzählung berichtet, die Einrichtung der Synagoge sei in ein Pfarrhaus ins Südburgenland gebracht worden. Heute ist das alles vergessen und ziemlich sicher nicht mehr nachweisbar ob es der Wahrheit entspricht.

Die Thorarollen, vermutlich sind es zwei gewesen, waren mit Silberschmuck verziert und konnten vorerst nach Wien gerettet werden, wo sie in der Schiffschulsynagoge im 2. Bezirk aufbewahrt wurden. In der Pogromnacht am 9. November des Jahres sind sie beim Brand der Synagoge vernichtet worden. Auch in Lockenhaus ist nichts von der Einrichtung und den Wertgegenständen aus der Synagoge erhalten geblieben.

Heute erinnert leider kein Hinweisschild im Zentrum des Dorfes die Besucher von Lockenhaus oder die LockenhauserInnen selbst an das ehemals blühende jüdische Kulturleben im Dorf und an die über die Dorfgrenzen hinaus bekannte Synagoge von Lockenhaus.


grafik M C
Jüdische Orte in Lockenhaus (Grafik Marion Christandl)


Aufgaben:

Die Fragen 1-4 kann man in der Klasse aufteilen, z.B. in vier Gruppen recherchieren und dann in einem Referat oder mit einem Plakat die MitschülerInnen über die Ergebnisse der eigenen Recherche informieren. Die 5. Aufgabe gemeinsam machen.

  1. Such die Fotos auf der Homepage, wo die Synagoge mit den hohen Rundfenstern deutlich erkennbar ist. Mach eine Bildbeschreibung. (Hinweis, es gibt ein Bild, wo das ganze Dorf zu sehen ist und eine Nahaufnahme von der Synagoge)
  2. Was ist eine Mikwa (Mikwe, Mikveh) und was ist das Minjan?
  3. Was ist eine Thorarolle, wie sieht sie aus, was steht darin, wie wird sie benutzt?
  4. Was ist ein Schoichet, was ist ein Rabbiner, und was bedeutet koscher?
  5. Besuche das Mahnmal und rede darüber! Ist es gut sichtbar? Was könnte die Sichtbarkeit erhöhen? Welche Möglichkeiten gibt es noch Erinnerung und das Gedenken sichtbar zu machen?

Anregung

Eine Exkursion zum jüdischen Friedhof nach Lackenbach. In Kobersdorf die noch stehende Synagoge, den Friedhof und das jüdische Mahnmal besuchen. Eine Wanderung am Wanderweg "Judensteig" machen (Start bei der Ruine Landsee)

Wenn es Ausdrücke und Wörter im Text gibt, die du nicht kennst oder nicht verstehst, frag deine LehrerIn.