Spurensuche

Die jüdische Kultur in Lockenhaus ist verschwunden. Das jüdische Leben von Lockenhaus wurde ausgelöscht. Menschen jüdischen Glaubens wurden aus Lockenhaus vertrieben. Dreizehn jüdische NachbarInnen wurden nachweislich zwischen 1942 und 1944 in Konzentrationslagern ermordet. Einige konnten der Shoa (dem Holocaust) entkommen, deren Nachkommen leben heute in Israel, England, Canada und in den USA.

In Lockenhaus ist nichts mehr zu sehen, das auf jüdische Spuren hinweisen würde. Es ist der Initiative von Wolfgang Horvath und seiner Familie zu verdanken, dass das Gedenken an die jüdischen MitbürgerInnen von Lockenhaus, 70 Jahre nach deren Vertreibung, begonnen wurde. Mit der Familie und den Nachkommen von Janka Baron (Tochter von Nathan Ignatz und Gittel Stössel) in England pflegt die Familie Horvath nach wie vor den Kontakt. Im Jahr 2018 ermöglichte es die Initiative von Ruth Patzelt und ihrem Team (Barbara Hießmanseder-Horvath, Gertraud Horvath und Denise Steiger), dass die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Nachbarn aufgenommen und intensiviert wurde. Der Besuch von heute in Israel lebenden Enkeln von Nathan und Gittel Stössel bei der Gedenkfeier am 4. November 2018 gibt Hoffnung auf Versöhnung und auf einen weiteren Austausch unter den Nachkommen der ehemaligen NachbarInnen in Lockenhaus.

Spurensplitter

  • Einige der aus Lockenhaus stammenden Opfer der Shoa lebten bereits im Jahr 1938 nicht mehr in Lockenhaus. In Oberwart lebte die Familie Stössel (Max Mordechai Zwi und Regina/Recha mit ihren fünf Kindern). Wie viele Jahre sie in Oberwart lebten, kann nicht mehr eruiert werden, weil die Gemeindeakten aus der damaligen Zeit verbrannt wurden. Heute erinnert eine Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen Synagoge in Oberwart an die Opfer der Shoa: „Zum Gedenken an den Leidensweg unserer ehemaligen jüdischen Mitbürger. Hier stand ihr Bethaus. Es wurde 1938 von den Nationalsozialisten zerstört.“ Auch ein Gedenkweg erinnert in Oberwart an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Gebäude der ehemaligen Synagoge ist heute ist die Zentralmusikschule untergebracht. Wie es der Familie Stössel in Oberwart ergangen ist und wann sie nach Wien gereist ist, davon ist nichts bekannt.
  • Schon einige Zeit vor 1938 lebte Emanuel Stössel mit seiner Frau Valerie (geb. Breuer) in Mödling. Dort gibt es - in der Klostergasse 8 - zwei Erinnerungssteine vor dem ehemaligen Wohnhaus der Stössels.
  • Vor ihrer Deportation in die Konzentrationslager lebten alle aus Lockenhaus stammenden Juden und Jüdinnen in Sammelwohnungen in Wien, im 2. Bezirk. Die Adressen sind bekannt - Tandelmarktgasse, Malzgasse, Flossgasse, Herminengasse - doch es gibt dort keine Spuren oder Erinnerungssteine. Nur das Datum ihrer Deportation ist bekannt. Das Leid, die Ängste und die Panik kann man nicht einmal erahnen.
  • Das Schicksal der siebenköpfigen Familie Stössel (Max und Regina und die Kinder Wilhelm, Moritz, Sofie, Gertrude und Johanna) macht sprachlos. Sie wollten alle zusammenbleiben und die Eltern schickten deshalb ihre zwei jüngsten Kinder nicht mit einem möglichen, und vielleicht lebensrettenden Kindertransport nach England. Eine Passage nach Triest, und weiter nach Bolivien war für die gesamte Familie bei einer Spedition bereits bezahlt, die Maccabi Sport-Organisation in Wien versuchte hier zu helfen, doch es war zu spät. Die Familie konnte sich nicht mehr retten, sie wurde im Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sechs Mitglieder der Familie wurde in Auschwitz ermordet, der zweitgeborene Sohn Moritz starb in Dachau, nur wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers!
  • Auf Lockenhauser Gemeindegebiet gibt es ein Waldstück, eine Hutweide, wo im Grundbuch eines schmalen Waldstreifens - der damals so genannten "Judnhutwoard" - noch immer der Name Emanuel Stössel als Anteilsbesitzer steht. Doch wer weiß das heute noch? Wer weiß das schon in Lockenhaus? Und auf den Dachböden in den alten Häusern? Gibt es da noch Spuren der jüdischen Geschichte von Lockenhaus?
  • Über den ehemaligen Gemeindearzt Dr. Alexander Süss gibt es einige Geschichten, Erzählungen und Anekdoten, die über ihn erzählt wurden und die heute, von nur mehr wenigen Menschen in Lockenhaus, auch noch erzählt werden können.

  • Auf der Internet-Seite von Yad Vashem gibt es ein Foto von Julie/Jultscha und Maier/Maitsch Stössel zu sehen und Gedenkblätter - auch von Maiers Mutter Bertha.
  • Irene Süss´s Name steht auf einer der zehn Stelen der Gedenkstätte in Maly Trostinec. Auch im Buch " Maly Trostinec- Das Totenbuch" von Waltraud Barton ist ihr Name verzeichnet. In Lockenhaus erinnert nichts mehr an die Tochter des Gemeindearztes.
  • In die Lockenhauser Kirchenorgel wurde 2003 als Gründungsurkunde das "Sh´ma Israel - Höre, Israel" eingesetzt, ein Schriftstück mit der Hand geschrieben von Janka Baron (geb. Stössel). Eine versöhnliche Geste der einst aus Lockenhaus Vertriebenen.
…- im Klang des neuen Instruments soll auch die Spiritualität der jüdischen Einwohner mitschwingen, die Lockenhaus 1938 für immer verlassen mussten. Unter dem Motto "Shalom" stehen Instrumental- und Vokalwerke rund um das Thema Jüdische Musik im Mittelpunkt von ORGELockenhaus 2005. ...Shalom in den Menschen zum Klingen bringen und so die uralte Vision vom Frieden in den Herzen leuchten lassen." (Wolfgang Horvath im Almanach/Orgelfestival 2005)

Die Spurensuche beginnt mit dem Erinnern - die Spuren sichtbar machen mit dem Gedenken. Das Mahnmal - im Jahr 2008 gestaltet von der Architektin und Künstlerin Barbara Hießmanseder-Horvath - ist ein sichtbares Zeichen, dass sich Menschen in Lockenhaus der Geschichte des Dorfes bewusst sind. Sichtbar muss auch das Mahnmal sein und nicht hinter einer hohen Hecke verborgen! Die politische Gemeinde von Lockenhaus ist hier erst am Weg...

- Ruth Patzelt, August 2019

Die Suche nach Spuren jüdischen Lebens in Lockenhaus ist ein "work in progress". Als Quellen für die Recherche genützt wurden und werden:

  • geni.com; arolsen-archives.org; katalog.terezinstudies.cz; ushmm@org
  • chabadvienna.com; yiddishkayt.org
  • Ursula Mindler, Die jüdische Gemeinde von Oberwart, Lex Liszt Verlag, Seite 129-131 und Ursula Mindler, Grenz-Setzungen im Zusammenleben. Studienverlag, Seiten 388-392 und die hier angegebenen Quellen.
  • Waltraud Barton, Maly Trostinec - Das Totenbuch, Ed. Ausblick, Seite 147
  • Denise Steiger, Lockenhaus, Festschrift der Marktgemeinde Lockenhaus, 1992
  • Verschiedene Institute für Geschichte und Forschung und jüdische Kultur
  • Das Wissen von HistorikerInnen, Empfehlungen von jüdischen FreundInnen und Zufallsfunde.
Lockenhaus um 1930
Lockenhaus ca. 1930 - ganz rechts das Jüdische Bethaus, das Haus mit den hohen Rundfenstern
Karte Lockenhaus
Lockenhaus, ehemals jüdische Plätze, Grafik M.C.)
Alte Ansichten
Hauptstraße
Jaacov
Reisedokumente, das große rote J für jüdisch
jaacov
Die Synagoge, das jüdische Bethaus von Lockenhaus, ganz rechts im Schuppen war die Mikveh, das rituelle jüdische Bad
Orgelfest 2005
aus dem Almanach "Shalom" ORGELockenhaus 2005
Alte Ansichten
Postkarte aus dem Jahr 1927
Stössel Emanuel
Erinnerungsstein in Mödling
Lockenhaus
Shoa-Mahnmal in Lockenhaus, im Jahr 2018, Ausschnitt